Der Mangel an „tiefem Nachdenken“

Rezension zu Konrad Lorenz: „Die Rückseite des Spiegels“, München 1987

Viele Erkenntnisse von Konrad Lorenz zur Biologie gelten heute als überholt oder gar falsch. Seine Person wird wegen seiner Tätigkeiten in der von den Nazis gleichgeschalteten Wissenschaft zudem moralisch geächtet, wobei ihm unterstellt wird, dass es ihm auch in allen seinen Arbeiten als Biologe nach dem Krieg stets  nur um die von der Nazi-Ideologie propagierten Rassenpflege ging. Diese Kritik wurde vor allem durch zwei Äußerungen in einem Interview ausgelöst, das Lorenz kurz vor seinem Tod der Zeitschrift „Natur“ gegeben hatte. Er sagte dort, dass man angesichts der Überbevölkerung „eine gewisse Sympathie für Aids bekommen könnte“ und dass es sich zeigt, dass „die ethischen Menschen nicht so viele Kinder haben und die Gangster sich unbegrenzt und sorglos weiterreproduzieren“ (Natur, 11/88). Diese beiden Aussagen reichten, um gegen den 85-jährigen Lorenz, zunächst in den Leserbriefen prominenter Intellektueller als Reaktion auf das Interview (Natur, 12/88), bis heute das auszulösen, worin der „Natur“-Interviewer Bernd Lötsch „Züge einer ideologischen Lynchjustiz“ (Natur, 2/89) erkannte. Den Gipfel erreichte diese Kritik an Lorenz in einem Cartoon (Natur, 2/89), in dem Lorenz als Sodomit dargestellt wurde, der mit seinen Gänsen Monster zeugte, die die heilige göttliche Ordnung störten – so als ob Lorenz oder die Naturwissenschaft das Böse in der Welt geschaffen hätten. Als Beleg und Nachweis für die Beibehaltung des nationalsozialistischen Biologieverständnisses in seinen zahlreichen Nachkriegs-Publikationen wird in der Folge etwa bei Wikipedia jedoch nur eine einzige Stelle angeführt, und zwar in seinem Buch „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ (München 1973, S. 64), die dabei so interpretiert wird, als wolle Lorenz der wachsenden Jugendkriminalität mit den Rassepflegemaßnahmen der Nazis begegnen.

Bei Kenntnis des hier rezensierten Hauptwerkes von Lorenz und einer sachlichen, objektiven und differenzierten Betrachtung seines Wirkens nach der NS-Zeit kommt man dagegen zu einem ganz anderen, ja gegensätzlichen Urteil: Die wichtigste und zentralste Erkenntnis dieses Hauptwerkes ist nicht nur dazu geeignet, die Natur des Menschen von der Biologie her in Übereinstimmung mit den Geistes- und Sozialwissenschaften zu bestimmen. Lorenz hat mit der Erkenntnis der menschlichen Natur des Geistes das Wesentliche von dem Ziel erreicht, das er sich im Vorwort gesetzt hatte, nämlich „die böse Mauer zwischen Natur- und Geisteswissenschaften niederzureißen“ (S. 30-31). Das wird dadurch ermöglicht, weil dieses Buch von Lorenz die physiologische Grundlage des menschlichen Geistes im Blick hat, denn „die Rückseite des Spiegels“ ist „der physiologische Apparat, dessen Leistung im Erkennen der wirklichen Welt besteht“ (S. 33).

Vor allem aber kann mit der Erkenntnis der physiologischen Grundlage unseres Geistes und unserer Kultur, was dann das zentrale Thema dieser Rezension ist, im Zusammenhang mit den heutigen biologischen Theorien das überwunden werden, was ihm seine Kritiker gerade pauschal vorwerfen, nämlich Biologismus und Sozialdarwinismus. Lorenz steht bei näherer und differenzierterer Betrachtung also gerade nicht für Sozialdarwinismus und Biologismus, von denen er in seinen jungen Jahren geprägt wurde, sondern in diesem Hauptwerk von ihm ist ganz im Gegenteil der Schlüssel zur nachhaltigen, naturwissenschaftlichen Erklärung und insoweit Überwindung dessen enthalten. Damit kann die gegenwärtige Auseinandersetzung in der Biologie dahingehend gelöst werden, dass schon Darwins Evolutionstheorie in Bezug auf den Menschen einen gravierenden Mangel aufweist, der durch den »Schlüssel« von Lorenz behoben wird. Leider hat Lorenz, vielleicht aufgrund seiner starken Prägung durch den Nationalsozialismus, diese Konsequenzen seiner Theorie selbst nicht vollständig durchdacht und erkannt. Denn ansonsten hätte er nicht die oben zitierte und völlig zu recht kritisierte Aussage über die „Gangster“ gemacht, die so schon bei Darwin  als Rassismus zu finden ist: „So neigen also die leichtsinnigen, heruntergekommenen und lasterhaften Glieder der Menschheit dazu, sich schneller zu vermehren als die gewissenhaften, pflichtbewußten Menschen. Oder, wie Greg den Fall darstellt, 'der sorglose, schmutzige, genügsame Irländer vermehrt sich wie ein Kaninchen; der mäßige, vorsichtige, sich selbst achtende, ehrgeizige Schotte [...] heiratet spät und hinterläßt wenig Kinder'“ (Charles Darwin, „Die Abstammung des Menschen“, Stuttgart 1871/2002, S. 178). Soll jetzt auch Darwin verteufelt werden? Nein, der »Schlüssel« von Lorenz mit seiner Theorie des geschichteten evolutiven Seins besagt vielmehr, dass dieses Widersprüchliche in der einen oder anderen Form als Folge unseres animalischen Erbes auch heute, ja in dramatischer Weise gerade heute, in allen von uns enthalten ist. Es ist unsere Natur, und es geht darum, das zu erkennen, um zu einem angepassten Urteil und neuen Bewusstsein der Evolution zu gelangen.

 

 

Der moderne Biologismus nach Lorenz und die jüngste Kehrtwende darin

Es erweist sich als sehr hilfreich, sowohl die moralische Verdammung von Lorenz als auch die eigentliche Bedeutung seines hier rezensierten Hauptwerkes vor dem Hintergrund der anderen, parallel laufenden Entwicklungen in der Biologie zu beurteilen, denn das erst lässt das Wirken von Lorenz in einem angemessenen Licht erscheinen. Zusammen mit diesem Hauptwerk von Lorenz erschienen in den 1970er Jahren das Buch „Das egoistische Gen“ von Richard Dawkins und „Sociobiology: The new synthesis“ des amerikanischen Biologen Edward O. Wilson. Das Buch von Wilson begründete die bis heute vorherrschende Disziplin der Soziobiologie mit einem gen-zentrierten Ansatz und ihrem Ideal der genetischen Fitness, bei dem das Kulturelle nur eine Nebenrolle spielt und ganz den genetischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen wird. Dawkins vertrat in seiner Arbeit gar die Ansicht, dass es nur um die Gene geht und wir Menschen nur so etwas wie die Vehikel der Gene seien, die diese zum Überleben benötigen. Dieser eigentliche und wahre Biologismus löste insbesondere in den USA große und sehr emotional geführte Debatten aus und ist bis heute umstritten.

Die „Rückseite des Spiegels“ geht dagegen, wie es ja dieser Titel schon ausdrückt, allein schon vom Ansatz her in eine ganz andere Richtung. Während die Soziobiologie mit ihrem gen-zentrierten Ansatz die Rolle von Geist und Kultur beim Menschen gänzlich vernachlässigt und über die Theorie der Verwandtenselektion auch das Sein des Menschen von Insektenstaaten her ableitet, wird in der zentralen Erkenntnis von Lorenz die dem Menschen exklusiv eigene physiologische Grundlage von Geist und Kultur bestimmt. Allein schon durch die Ent- und Aufdeckung dieser Grundlage spielt das eine gewichtige, wenn nicht gar die eigentliche Rolle im Zusammenspiel mit den Genen und der evolutiven Erklärung des Mensch-Seins, was darin jeden reinen Biologismus aufhebt bzw. auch innerhalb der Biologie die Bedeutung des Begriffes »Biologismus« als Reduktion des menschlichen Seins allein auf die Gene bestimmt.

Angesichts der pauschalen moralischen Ächtung der Person und des Werkes von Lorenz fand die darin enthaltene Alternative zu dem neuen, modernen Biologismus jedoch keine Berücksichtigung mehr, so dass sich auch in Europa der neue Biologismus als Soziobiologie uneingeschränkt durchsetzen konnte und Lorenz gänzlich in Vergessenheit geriet. Aber die Entwicklung in der Biologie ging weiter, und an dieser Weiterentwicklung lässt sich am besten der eigentliche Wert gerade dieser Arbeit der „Rückseite des Spiegels“ von Lorenz darstellen. Denn der Biologe Wilson, der die Soziobiologie einst als neue Disziplin etablierte und daher sogar als ihr „Vater“ angesehen wurde, vollzog 2010 eine Kehrtwende und kritisiert seitdem zum Entsetzen seiner ehemaligen Anhänger und Kollegen die Soziobiologie als eine Irrlehre. Sein ehemaliger Mitstreiter Dawkins quittierte Wilsons Kehrtwende und dessen danach entstandenes Buch mit den Worten: „Die soziale Eroberung der Erde“ (München 2013) sei ein Buch, das man „mit Wucht wegschleudern“ sollte (vgl. SPIEGEL-Interview mit Wilson, „Wir sind ein Schlamassel“, Nr. 8/2013).

Im Zuge dieser Kehrtwende vertritt Wilson heute ein neues, einem Biologismus als Vorherrschaft der Gene beim Menschen entgegenstehendes Verständnis des menschlichen Seins (was natürlich nicht heißt, dass die Gene gar keinen Einfluss mehr auf das menschliche Sein und Verhalten besitzen). Dieses neue Verständnis beseitigt endlich von der Biologie und Wissenschaft her den Rassismus, indem Wilson ganz konkret ausführt, dass es zwar innerhalb des Genpools eines Volkes eine große Variabilität und Vielfalt gibt, so dass in jedem Volk immer die verschiedensten Charaktere vorhanden sind, dass sich aber im Durchschnitt die Genpools aller heutigen Völker gleichen (Vgl. Wilson 2013, S. 127-129), ja dass es bis auf äußerliche Änderungen wie Haut- und Haarfarbe dieselben sind (was auf die sogenannten »Flaschenhalseffekte« während der Evolution des heutigen Menschen zurückzuführen ist). Demnach kann etwa ein indigener Europäer in seinen angeborenen Charaktereigenschaften oder seiner Intelligenz einem australischen Aborigine oder einem Afrikaner, deren genetische Abstammungslinien seit mehreren zehntausend Jahren getrennt sind, mehr gleichen als einem anderen Mitglied seiner Gesellschaft, in der er lebt. Erst dieses genetische Verständnis entzieht jedem Rassismus den Boden. Das Volk, das sich wirklich genetisch über die individuelle Variabilität hinaus von den heutigen Menschen unterscheidet, war ein anderer Menschentyp, nämlich etwa der der Neandertaler.

Wilson macht diesen Sachverhalt an einem einfachen, empirischen Beispiel deutlich. Kleinkinder aus archaisch lebenden Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, die bei Adoptivfamilien in technologisch fortschrittlichen Gesellschaften aufwachsen, werden gemäß Wilson zu kompetenten Mitgliedern dieser Gesellschaften – obwohl die genetische Abstammungslinie des adoptierten Kindes sich vor 45.000 Jahren von der der Adoptiveltern getrennt hat! Das ist etwa bei Kindern von australischen Aborigines der Fall, die in Familien von Weißen aufwuchsen. Es belegt, dass sich an der „genetischen Fitness“ zur Hervorbringung von Geist und Kultur seit mindestens 50.000 Jahren nichts geändert hat. Das, was sich in den letzten ca. 50.000 Jahren an der genetischen Ausstattung des Menschen geändert hat, waren Anpassungen der Haut- und Haarfarbe an klimatische Verhältnisse, die genetisch leicht modifizierbar sind. Die letzte einschneidendere Änderung existentieller genetisch bedingter Merkmale war die Laktosetoleranz. Die alles entscheidende Erkenntnis von Wilson daraus: Die Evolution menschlicher Gesellschaften zu Zivilisationen während der letzten mindestens 50.000 Jahre war und ist ein kultureller und nicht ein genetischer Prozess (Vgl. Wilson 2013, S. 127)!

In der Soziobiologie mit ihrem gen-zentrierten Ansatz wird dagegen bis heute apodiktisch davon ausgegangen, dass die sozial Erfolgreichen einer Gesellschaft das allein ihrer genetischen Fitness verdanken (vgl. Eckart Voland, „Soziobiologie“, Berlin Heidelberg 2013, S. 60-63), und zwar nicht als Ausdruck einer über Jahrtausende konstanten Variabilität des Genpools, sondern als Beleg einer neuen, weitergehenden genetischen Entwicklung und Evolution, d.h. die Soziobiologie sieht selbst die heutige geistig-kulturelle Entwicklung der Individuen und Gesellschaften als genetischen Prozess an. So heißt es etwa bei Voland: „Elterliches Vermögen, Kinder sozial vorteilhaft und mit guten eigenen Reproduktionschancen versehen sozial zu platzieren, ist gerade auch unter den modernen Lebensbedingungen von ganz wesentlicher Bedeutung für die genetische Fitness“ (Voland 2013, S. 60).

Die damit verbundene grundsätzliche Unterordnung von Geist und Kultur unter die genetischen Gesetzmäßigkeiten, indem Geist und Kultur nicht einmal als Kategorie oder Schicht eigener Art betrachtet wird (vgl. Voland 2013, S. 214), brachte sofort den großen und von diesem Ansatz her nicht lösbaren Konflikt mit den geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen mit sich. Weiterhin führt diese Unterordnung letztlich stets zu irgendeiner Form des Sozialdarwinismus, und zwar aus dem einfachen Grund, weil der Sozialdarwinismus genau dadurch definiert ist (etwa nach Franz M. Wuketits in dem Wikipedia-Eintrag „Sozialdarwinismus“), dass Darwins Theorie der Auslese, bzw. mit dem heutigen Ausdruck die genetische Selektion oder Fitness und ihre Gesetzmäßigkeiten, in sozialer, ökonomischer und moralischer Hinsicht auch maßgeblich für die menschliche, kulturelle Entwicklung sein sollen.

Die Soziobiologie versteht also den Grad von Geist und Kultur als Folge genetischer Fitness und unter genetischen Gesetzmäßigkeiten (genau wie schon Darwin und Lorenz mit seiner zu recht kritisierten Aussage, dass „Gangster sich unbegrenzt und sorglos weiterreproduzieren“), indem sie davon ausgeht, dass ein hoher Sozialrang, etwa die Beschäftigten einer Universität, genau wie im Tierreich mit einer erhöhten Nachkommenschaft korrelieren muss (vgl. Voland 2013, S. 61), weil das der Indikator für genetische Fitness ist (vgl. Voland 2013, S. 7). Dass die sozial Erfolgreichen in den modernen Gesellschaften schon lange weniger Kinder haben als die ärmeren, sozial erfolglosen Schichten (und „Gangster“), irritiert Voland zwar etwas, hält ihn aber nicht davon ab, weiterhin genetische Gesetzmäßigkeiten auf das geistig-kulturelle Sein des Menschen anzuwenden (vgl. Voland 2013, S. 60-61).

Wenn in dieser Weise die sozial Erfolgreichen einer Gesellschaft von vornherein und pauschal als die genetisch Fitten betrachtet werden, heißt das, dass geistig-kultureller Erfolg auf genetischer Fitness beruht und direkt von ihr hervorgebracht wird, und das ist nichts anderes als eine (im Vergleich zur Euthanasie milde) Form des Sozialdarwinismus. Denn es bedeutet in diesem Verständnis, dass Geist und Kultur scheinbar genetisch verankert sind und auf diese Weise vererbt werden, also in ihren Ausprägungen angeboren sind wie körperliche Merkmale. In der Konsequenz und konkreten Praxis legt dieses Verständnis es zumindest nahe (in Übereinstimmung mit unseren Instinkten), dass als Steigerung der genetischen Fitness, etwa hinsichtlich der Intelligenz oder wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit, dementsprechend Akademikerkinder automatisch auf die Hochschulen und Arbeiterkinder auf die Hauptschulen gehören oder selektiert werden müssen. Wenn das geistig-kulturelle Sein genetisch begründet wird, ist das die logische Konsequenz daraus, denn fest steht eindeutig, dass genetische Eigenarten von einem Individuum während seines Lebens nicht verändert werden können, sie von ihm weitervererbt werden und dass die genetische Information immer fest an das Sein des Individuums gebunden ist. Daher bedeutet hier die Entwicklung von Geist und Kultur als Verbesserung der genetischen Information stets, dass damit die Individuen selbst entsprechend selektiert werden müssen, da eben die Information fest an sie gebunden ist.

Geist und Kultur sind vom Wesen her jedoch gerade nicht genetisch codiert und werden nicht über die Gene vererbt bzw. tradiert. Was mit zu diesem Irrtum führt, ist der Umstand, dass es wegen der Variabilität des Genpools eines Volkes oder einer Gesellschaft einige genetische Einflüsse auf den Charakter und die Intelligenz gibt. Doch diese Einflüsse ändern sich durch Rekombination der Gene bei jeder Zeugung, sind als genetischer Einfluss nur sehr schwer bestimmbar und diese Einflüsse können vor allem nicht mit der geistig-kulturellen Verwirklichung des Menschen gleichgesetzt oder identifiziert werden. Wer das macht und so etwa in irgendeiner Weise Geist und Kultur beim Menschen genetisch (als Fitness) fördern oder gar herauszüchten oder veredeln will, hat das Wesen des Geistig-Kulturellen beim Menschen nicht verstanden und verwechselt die konstante Variabilität des Genpools mit neuem genetischen Fortschritt. An seiner persönlichen genetischen Fitness kann der Mensch nichts ändern, es gilt vielmehr bei jeder Form seiner genetischen Veranlagung seine geistige Fitness zu maximieren. Vor allem durch die Einsicht, dass das für sein menschliches Sein von entscheidender Bedeutung ist und dass es Denkblockaden wie die eines Biologismus zu überwinden gilt.

Biologismus und Sozialdarwinismus bestehen so im Grunde nur darin, dass das Geistig-Kulturelle des Menschen auf genetische Gesetzmäßigkeiten reduziert und als genetische Entwicklung verstanden wird, so dass das Geistig-Kulturelle nicht entscheidend durch individuelles Lernen verändert werden kann, sondern nur durch Ausmerzung oder sonstiger Absonderung gemäß der genetischen Gesetzmäßigkeiten. Wird diese Ansicht der Soziobiologie nicht nur auf die Individuen oder Schichten innerhalb einer Gesellschaft angewendet, sondern entsprechend dem Darwin-Zitat auch auf die verschiedenen Völker bzw. Rassen, so dass etwa der kulturelle oder wirtschaftliche Erfolg einer Gesellschaft (analog zu den sozial Erfolgreichen innerhalb einer Gesellschaft) die Konsequenz einer fortschreitenden genetischen Fitness eines Volkes sein soll, ist das nichts anderes als Rassismus.

Dieser gen-zentrierte Ansatz und das Ideal der genetischen Fitnessmaximierung der Soziobiologie werden mit dem neuen Verständnis von Wilson ad absurdum geführt und als das entlarvt, was ihr die geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen schon lange vorwerfen, nämlich als sozialdarwinistischer Biologismus und Irrweg des Menschen. Diese neue Theorie von Wilson, die die Evolution menschlicher Gesellschaften zu Zivilisationen während der letzten 50.000 Jahre als kulturellen und nicht wie noch heute in der Soziobiologie als genetischen Prozess ansieht, kann den sozialdarwinistischen Biologismus, der schon seit Darwin herrscht, endlich beseitigen und überwinden. Doch dieser neuen Theorie haftet dazu noch ein großer Mangel an, da Wilson den geistig-kulturellen Prozess, der die menschlichen Gesellschaften statt der genetischen Entwicklung erst zu Zivilisationen macht, nur sehr dürftig begründen kann.

 

Diejenige Erkenntnis von Lorenz, mit der der Biologismus nachhaltig überwunden werden kann

Als Grundlage des geistig-kulturellen Prozesses zieht Wilson die von der Anthropologie definierten bzw. aufgezählten Universalien der Kultur heran. Das sind 67 soziale Verhaltensweisen und Institutionen, die all den Hunderten Gesellschaften gemeinsam sind (vgl. Wilson 2013, S. 232-233). Dazu gehören etwa „Aberglaube über Glück und Unglück“, „Begräbnisriten“ usw. und u.a. auch die Sprache. In der Sprache sieht Wilson zwar den eigentlichen „Gral“ und die „Zauberkraft“ des menschlichen Seins (vgl. Wilson 2013, S. 273), doch entgegen dieser Bezeichnung und Wertung spielt sie bei ihm nur eine statische, nominalistische Funktion als eine Universalie unter vielen anderen. Geist und Kultur des Menschen erklärt sie in dieser Form nicht wirklich, ihr fehlt bei Wilson vor allem und genau das, was Lorenz mit der „Rückseite des Spiegels“ ausdrückt: Die physiologische Grundlage.

Das entscheidende fehlende Element zu Wilsons neuer, hoffnungsvoller biologischer Theorie des Menschen, die endlich nicht nur die großen Probleme von Rassismus und Sozialdarwinismus tiefgründig und nachhaltig überwinden kann, ist in diesem Werk von Lorenz enthalten. Mit der grundlegenden Erkenntnis von Lorenz über die Natur des Menschen und seines Geistes wird die neue Theorie von Wilson nicht nur unterstützt und bestätigt, sondern Lorenz gibt der Evolution von Geist und Kultur des Menschen dadurch erst eine klare und eindeutige physiologische Grundlage, indem er erkennt:

„Während all der gewaltigen Epochen der Erdgeschichte, während deren aus einem tief unter den Bakterien stehenden Vor-Lebewesen unsere vormenschlichen Ahnen entstanden, waren es die Kettenmoleküle der Genome, denen die Leistung anvertraut war, Wissen zu bewahren und es, mit diesem Pfunde wuchernd, zu vermehren. Und nun tritt gegen Ende des Tertiärs urplötzlich ein völlig anders geartetes organisches System auf den Plan, das sich unterfängt, dasselbe zu leisten, nur schneller und besser. [...] Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei(S. 217).

Das, was die Evolution bis zum Menschen getragen und gesteuert hat, ist das genetische Informationssystem. Durch Mutation und Selektion in diesem Informationssystem geschah und geschieht Evolution. Doch mit dem Menschen ist ein weiteres Informationssystem hinzugetreten, das das gleiche leistet, nur auf einer völlig anderen Ebene, nämlich der neuronalen statt der genetischen Ebene. Das Wirken dieses neuronalen Systems, das in einer systematischen Abstraktion der Sinnesdaten besteht, ist nichts anderes als eine neue Art von Evolution. Darauf gründet und das ist das eigentliche Mensch-Sein.

Zwar hat die neuronale Weiterverarbeitung der Sinnesdaten schon bei den Tieren eine immer größere Bedeutung und Komplexität erlangt, so dass die sogenannten höheren Tiere entstanden, die dann sogar zu einem einfachen Werkzeuggebrauch fähig sind. Dieser einfache Werkzeuggebrauch ist nicht genetisch selektiert und angeboren, sondern auf neuronale Weise erlernt. Doch Geist und Kultur des Menschen bestehen im Sinne von Lorenz trotzdem nicht in einem bloßen quantitativen weiteren Wachsen der neuronalen Weiterarbeitung der Sinnesdaten, wie das die Soziobiologie als Fehlen einer „scharfen Trennlinie  zwischen Tieren und Menschen“ (Voland 2013, S. 214) bezüglich der kulturellen Entwicklung und leider auch Wilson mit folgender Aussage so verstehen: „Die meisten Forscher sind sich auch einig, dass der Begriff der Kultur auf Tier und Mensch gleichermaßen angewandt werden sollte, um damit die Kontinuität zwischen beiden zu unterstreichen, ungeachtet der ungleich größeren Komplexität im menschlichen Verhalten“ (Wilson 2013, S. 256).

Das Sein des Menschen ist bei Lorenz dagegen ein neuer tiefer Einschnitt bzw. großer neuer Übergang in der Entwicklung des Lebens, und zwar als Folge einer ganz neuen Qualität, so wie zwischen dem Anorganischen und dem Organischen als Beginn der Evolution des Lebendigen oder zwischen Pflanze und Tier. Mit dem Menschen hat für Lorenz deswegen ein weiterer dieser großen Übergänge stattgefunden, weil beim Menschen die wachsende neuronale Informationsverarbeitung plötzlich die Funktion eines sich selbst tragenden, die Welt und das Verhalten umfassend abstrahierenden und codierenden Systems erreicht hat: Das unserer Sprache, in der wir auch denken. Trotz der verschiedenartigen organischen Grundlage hat dieses System dabei eine bestimmte Ähnlichkeit mit dem die bisherige Evolution tragenden genetischen System, was sich für uns dadurch bemerkbar macht, weil wir das genetische System sofort als eine Art von Sprache oder Code verstehen können.

Dementsprechend ist das neue System dazu in der Lage „dasselbe zu leisten“ wie das alte, wie es Lorenz erkannt hat. Der große Vorteil des neuen, neuronalen Systems gegenüber dem genetischen ist jedoch der, dass ein einziger Vorgang der Mutation oder Variation der Gene mit der dazugehörigen Selektion im alten System nur während eines Generationswechsels stattfinden kann, was je nach Spezies bis zu 20 oder 30 Jahre dauert, da die zu ändernde genetische Information untrennbar mit dem Sein der Lebewesen verbunden ist. Nur mit einem neuen Individuum kann es hier eine neue genetische Information oder Mutation geben, wobei die Selektion durch Ausmerzung der nicht passenden genetischen Informationen geschieht. Dagegen kann der Vorgang der Variation des neuronal Abstrahierten im menschlichen Denken jede Minute oder Sekunde stattfinden. Die Selektion und Verbreitung einer passenden neuen Variante des codierten Verhaltens benötigt ebenfalls nicht wie noch im genetischen System mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrtausende, sondern der Mensch kann die passende Lösung ebenfalls minuten- oder gar sekundenschnell finden und über die Sprache sofort verbreiten, und zwar direkt und gleichzeitig zu allen Mitgliedern seiner Gruppe, also um mehrere Größenordnungen „schneller und besser“ als das genetische System. Diese in der Sprache systematisierten neuronalen Aktivitäten empfinden wir dabei als Geist, genauso wie wir die elektromagnetischen Wellen als Licht und Farbe empfinden.

Die notwendige Anpassung einer Verhaltensweise an neue Lebensbedingungen (was sowohl genetisch als auch neuronal erfolgen kann), zu der das alte genetische System der Informationsgewinnung und -verarbeitung Jahrhunderte oder gar Jahrtausende unter großem physischen Kampf, Leid und Tod unzähliger dabei ausselektierter Lebewesen benötigt, ist mit dem neuen evolutiven Informationssystem im Idealfall innerhalb von Sekunden zu bewerkstelligen, ohne dabei auch nur die Selektion bzw. den Tod eines einzigen Lebewesens zu erfordern. Denn hierbei ist die Information der Verhaltensanpassung, um die es eigentlich in der Evolution geht, nur in der neuronalen Abstraktion vorhanden und nicht im Erbgut der Lebewesen, d.h. es werden nur neuronale Abstraktionen selektiert und keine Lebewesen. Diese neue, neuronal getragene Evolution ist daher in ihrer Wirkweise buchstäblich das, was wir »human« nennen.

Im Fall der neuronalen, kulturellen Evolution werden zwar nicht mehr neue Lebewesen und angeborene Verhaltensweisen hervorgebracht, sondern als Kultur künstliche Produkte und gelernte Verhaltensweisen. Doch auf dieser kulturellen Evolution beruht unser Leben seit vielen Jahrtausenden und darin kann auch nur die Zukunft des Menschen liegen. In dieser geistig-kulturellen Evolution nimmt ihr Einfluss auf unser genetisch vorgezeichnetes Sein und Verhalten mehr und mehr zu, d.h. mehr und mehr unserer genetisch verankerten Instinkte werden zu einem unangepassten Verhalten, wobei dieses unangepasste instinkthafte Verhalten nur kulturell überlagert aber nicht eliminiert werden kann.

Lorenz sagt in der „Rückseite des Spiegels“ über diese beiden Ereignisse, aus denen Evolution entstanden ist, bzw. wie er es hier nennt, „Fulgurationen“ als blitzartiges Entstehen völlig neuer Eigenschaften: „Die Parallelen – fast möchte man sagen: die Analogien -, die zwischen diesen beiden größten Fulgurationen bestehen, die sich in der Geschichte unseres Planeten je ereignet haben, regen zu tiefstem Nachdenken an“ (S. 216). Geist und Kultur sind daher bei Lorenz nicht nur eine Schicht, Ordnung oder Kategorie eigener Art, was schon Darwin bestritten hatte („Daher 'ist es durchaus nicht berechtigt, den Menschen in eine besondere Ordnung zu stellen'“, Darwin 1871/2002, S. 194) und was die heutige Soziobiologie immer noch bestreitet, sondern sogar eine Evolution eigener Art, eine (neuronale) Evolution in der (genetischen) Evolution.

Allerdings hat Lorenz dieses „tiefe Nachdenken“ selbst nur unvollkommen vollzogen, denn ansonsten wären ihm die beiden oben zitierten Interview-Aussagen nicht unterlaufen und er würde die Ursache kultureller Unzulänglichkeiten nicht in einer weiter laufenden genetischen Evolution vermuten. Ganz abgesehen davon, dass die genetische Evolution in ganz anderen Zeiträumen verläuft, hat die kulturelle Evolution die genetische zwischenzeitlich beim Menschen ganz zum Stoppen gebracht, da es zwar noch Mutationen gibt, aber aufgrund der moralischen Werte des neuronal gegründeten geistig-kulturellen Seins keine Selektion mehr.

Lorenz hat in diesem seinem Hauptwerk die physiologische Grundlage unseres Geistes und unserer Kultur entdeckt, aber er hat das unvollständig zu Ende gedacht. Das ändert aber nichts an seinem großen Verdienst der Bestimmung der physiologischen Grundlage unseres Geistes, mit der Biologismus und Sozialdarwinismus überwunden werden können. Wenn Lorenz nach dem Krieg weiter nur den Biologismus der Nazis im Sinn gehabt hätte, wie es ihm seine Kritiker pauschal und undifferenziert vorwerfen, hätte er diese grundlegenden Erkenntnisse über die natürlichen Grundlagen von Geist und Kultur nie machen können bzw. er hätte sie sofort wieder verworfen.

 

Der grundlegende Kategorienfehler der Soziobiologie

Mit der in diesem Buch von Lorenz enthaltenen Erkenntnis der physiologischen Grundlage des menschlichen Geistes können nicht nur Biologismus und Sozialdarwinismus überwunden werden, sondern darüber hinaus auch konkret der grundsätzliche Fehler erkannt, aufgedeckt und erklärt werden, den die Soziobiologie heute begeht. Denn Lorenz hat seine grundlegende Erkenntnis über die physiologische Grundlage des menschlichen Geistes in die Theorie des von dem Philosophen Nicolai Hartmann übernommenen Schichtensystems eingebettet. Darüber, dass das Leben geschichtet ist, heißt es bei Lorenz als Zitat von Hartmann:

„So erhebt sich die organische Natur über der anorganischen. Sie schwebt nicht frei für sich, sondern setzt die Verhältnisse und Gesetzlichkeiten des Materiellen voraus; sie ruht auf ihnen auf, wenn schon diese keineswegs ausreichen, das Lebendige auszumachen. Ebenso bedingt ist seelisches Sein und Bewußtsein durch den tragenden Organismus, an und mit dem allein es in der Welt auftritt. Und nicht anders bleiben die großen geschichtlichen Erscheinungen des Geisteslebens an das Seelenleben der Individuen gebunden, die seine jeweiligen Träger sind. Von Schicht zu Schicht, über jeden Einschnitt hinweg, finden wir dasselbe Verhältnis des Aufruhens, der Bedingtheit >von unten< her, und doch zugleich der Selbständigkeit des Aufruhenden in seiner Eigengeformtheit und Eigengesetzlichkeit“ (S. 57-58).

Das in Hinblick auf die Theorie der Soziobiologie Entscheidende an diesem Schichtensystem sind die von Hartmann gerügten Grenzüberschreitungen darin, die „böse in die Irre führen“. Lorenz sagt dazu:

„Wir verstehen genau, warum es unmöglich ist, die Eigenschaften des höher integrierten Systems aus denen des niedrigeren zu deduzieren (s. S. 55) [etwa Leben aus anorganischer Materie], und ebenso, warum es blanker Unsinn ist bei den einzelnen Untersystemen einer Ganzheit oder bei einfacheren Vorfahren höherer Lebewesen nach Eigenschaften und Leistungen zu fahnden ‑ geschweige denn solche zu postulieren ‑, die erst mit dem schöpferischen Akt höherer Integration in Existenz getreten sind“ (S. 61).

Obwohl der Soziobiologie nach „die unter manchen Biologen und Kul­turwissenschaftlern gleichermaßen weit verbreitete Auffassung, wonach »Sozialisation« oder »Kultur« Alternativen zur evolutiven [genetischen] Erklärung mensch­lichen Verhaltens sein sollen, schlichtweg auf einem Kategorienfehler [beruhen]“ (Voland 2013, 215), ergibt sich aus dem Schichtensystem von Lorenz, dass genau umgekehrt die Soziobiologie diesen Katergorienfehler oder diese Grenzüberschreitung gerade begeht, schon indem sie das geistig-kulturelle Sein des Menschen gar nicht als eigene Schicht oder Kategorie (an)erkennt. Daher kann sie die „Eigenschaften des höher integrierten Systems“, also des geistig-kulturellen Seins, nur aus denen des darunter liegenden Systems ableiten, das sie nur kennt oder anerkennt, und das ist das der genetischen Gesetzmäßigkeiten. Auch in anderer Richtung wird dieser Fehler dadurch begangen, indem im niedrigeren System Leistungen und Eigenschaften postuliert werden, die erst im höheren System in Existenz getreten sind. Denn der Begriff »Egoismus« macht nur auf der geistig-kulturellen Ebene des Menschen Sinn, d.h. von „egoistischen Genen“ zu sprechen ist ebenso unsinnig, wie davon, dass ein Eisenatom Bewusstsein haben soll, was Lorenz als Beispiel für diesen Fehler anführt (S. 60).

Dieser Kategorienfehler der Soziobiologie ist damit vergleichbar, als würde ein Tier unter pflanzlichen Gesetzmäßigkeiten behandelt werden, indem man es in einem Käfig nur mit etwas Erde und Licht versorgt und ab und zu etwas Wasser darüber gießt. Wenn in analoger Weise das geistig-kulturelle menschliche Sein nur mit den genetischen Gesetzmäßigkeiten erklärt wird, ergibt dieser Kategorienfehler hier den fatalen, sozialdarwinistischen Irrweg, der als Biologismus vielen Menschen ihre geistig-kulturellen  Entfaltungsmöglichkeiten durch das Lernen nimmt und den Geistes- und Sozialwissenschaften ihre Eigenständigkeit abspricht. Das verursacht nicht nur viel Leid unter den Menschen, sondern es behindert auch den Fortgang der weiteren geistig-kulturellen Evolution, ja diese Evolution wird hierbei nicht einmal als solche erkannt.

 

Die Bedeutung einer wahren und darin auch anwendbaren Theorie über die Natur des Menschen

Auf dem neuen neuronalen System mit seiner eigenen organischen Grundlage und seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten allein ruht unser geistig-kulturelles Sein, wobei die menschliche Entwicklung während der letzten 50.000 Jahre nur durch dieses neuronale System getragen wurde, d.h. es war keine genetische sondern eine kulturelle Entwicklung oder Evolution des Menschen. Wenn das missachtet wird und unser geistig-kulturelles Sein heute als Biologismus rein unter den genetischen Gesetzmäßigkeiten der animalischen Ebene oder Schicht beurteilt wird, führt das „böse in die Irre“ und ergibt u.a. die „dunklen Rätsel“, die Darwin bei den kulturellen Fortschritten der Völker sah (vgl. Darwin 1871/2002, S. 181ff).

Erst mit dieser grundlegenden Erkenntnis von Lorenz, in der das Geistig-Kulturelle nicht wie bei Wilson eine statische Universalie unter vielen anderen ist, sondern ein neuer dynamischer und eigenständiger Evolutionsprozess mitsamt einer eigenen physiologischen Grundlage, kann die neue Theorie über die Natur des Menschen von Wilson endgültig zum Durchbruch kommen. Dadurch erst wird die von Wilson erkannte „Chimärennatur“ des Menschen vollständig nachvollziehbar, nämlich als zwei unterschiedlichen Schichten und Evolutionssystemen angehörend, und damit wird die aktuelle Entwicklung des Menschen mit all ihren Problemen als weitergehendes Evolutionsgeschehen erkennbar – und lösbar.

Die Evolution ist beim heutigen Menschen nur in genetischer Hinsicht zum Stillstand gekommen, in geistig-kultureller Hinsicht schreitet sie dagegen in immer dramatischerer Weise mit vielerlei Problemen fort. Wilson bringt diese Problematik mit folgender Aussage auf den Punkt: „Wir sind ein evolutionäres Mischwesen, eine Chimärennatur, wir leben dank unserer Intelligenz, die von den Bedürfnissen des tierischen Instinkts gesteuert wird. Deswegen zerstören wir gedankenlos die Biosphäre und damit unsere eigenen Aussichten auf dauerhafte Existenz“ (Wilson 2013, S. 23). Genauer gesagt sind es die nicht mehr angepassten Instinkte unseres animalischen Erbes, die die Probleme verursachen, und dazu gehört nach Wilson der Ethnozentrismus (vgl. Wilson 2013, S. 79) und damit auch der Rassismus. Das und auch die gesetzmäßigen Eigenarten der Instinkte als Produkt der genetischen Evolution wird erst in Unterscheidung von genetischer und geistig-kultureller Evolution erkennbar.

Diese unangepassten Instinkte sind, wie alle Instinkte, die emotionale Grundlage unseres Seins, die mit ihnen verbundenen Wertungen besitzen für uns einen absoluten Charakter. Dass diese emotionalen Verhaltensantriebe (aufgrund veränderter Lebensumstände) unangepasst und falsch sein können, zeigt sich uns oft genug erst in großen Katastrophen, wie denen des letzten Jahrhunderts, die durch unangepasste Instinkte verursacht wurden. Selbst wenn sie dann als unangepasst erkannt und geächtet werden, sind sie vom ihrem Wesen und ihrer Natur her lernunfähig (diese notwendige Einsicht ergibt sich nur durch die Kenntnis der biologischen oder evolutiven Herkunft des Menschen), d.h. diese Instinkte können  nicht eliminiert sondern nur kulturell überdeckt werden, aber darin jederzeit wieder hervorbrechen – etwa in unbedachten Äußerungen von Menschen, die in ihrer Jugend von diesen Instinkten geprägt wurden, auch wenn diese Menschen sich zwischenzeitlich weitgehend von dieser Prägung gelöst haben, ja selbst wenn sie wie im Fall von Lorenz die physiologischen Grundlagen dieses Verhaltens mit Verstand und Vernunft erkannt haben. 

Angesichts einer begrenzten aber schon überbevölkerten Biosphäre wird gerade ein weiteres sehr grundlegendes Instinktverhalten als weitergehende geistig-kulturelle Evolution zu einem unangepassten Verhalten, nämlich das den alten Instinkten von Rang und Macht dienende exzessive Ansammeln materieller Werte (statt geistig-kultureller und eines geistig-kulturellen Wachstumsideals, wie es dem eigentlichen Wesen des Menschen in seiner chimärenhaften, schichtend gespaltenen Natur entspricht). So werden auch unsere Enkel uns einmal moralisch dafür verdammen, dass wir bei diesem Fehlverhalten der Zerstörung der Lebensgrundlagen mitgemacht haben, ohne uns dem zu widersetzen. Das geistig-kulturelle Sein Menschen befindet sich in der Evolution, es verändert sich laufend, und man kann dabei nicht unsere heutige Prägung und die heutigen Wertmaßstäbe ohne Weiteres in die Vergangenheit projizieren, so dass wir im Nazireich selbstverständlich alle Widerstandskämpfer gewesen wären. Wer wissen möchte, wie er selbst sich im Nazireich verhalten hätte, kann das am besten anhand des heutigen Zeitgeistes überprüfen, also an dem, was aktuell alle tun, was allgemein als Ideal gilt, indem er diesen Zeitgeist dann mit einem kritischen, tieferen Denken hinterfragt. Das hat zwar heute nicht mehr die Einlieferung in ein KZ zur Folge, aber doch sehr wahrscheinlich etwa die Verhinderung einer Karriere in diesem Zeitgeist. Anhand dieser Kriterien, die das Widersprüchliche als unsere schichtend gespaltene Natur in uns allen offenlegt, ist dann das Verhalten von Lorenz zu beurteilen.

Wilson spricht trotz der Zerstörung der Biosphäre durch das Verhalten des Menschen die Hoffnung aus, dass sich die Erde im 22. Jahrhundert in ein dauerhaftes Paradies für den Menschen oder zumindest in einen vielversprechenden Anfang davon verwandeln lässt. Allerdings beruht diese Hoffnung bei ihm, wie er es ausdrückt, auf einem „blinden Glauben“ (Wilson 2013, S. 355). Mit der Erkenntnis der geistig-kulturellen Evolution beim Menschen durch Lorenz beruht diese Hoffnung nicht mehr auf einem blinden Glauben, weil die Erkenntnis der geistig-kulturellen Evolution hier Orientierung gibt und die eigentliche Ursache der Probleme und Fehlentwicklungen offenlegt (während die Theorie der Soziobiologie schon von ihrem Ansatz her diese Probleme der menschlichen Entwicklung überhaupt nicht auf dem Schirm hat).

Dieses Hauptwerk von Lorenz ist also alles andere als überholt. Es enthält den Schlüssel zur Erkenntnis der (schichtend gespaltenen) menschlichen Natur, wobei dieser Schlüssel letztlich die Evolutionstheorie von Darwin als unvollständig erweist, d.h. sie kann in der vorliegenden Form auf den Menschen nicht angewandt werden. Wird es dennoch getan, so endet es je nach Konsequenz dieser Anwendung definitionsgemäß stets in irgendeiner Form von Sozialdarwinismus. Diesen Mangel hatte zwar schon der Mitentdecker der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace erkannt, sich dabei jedoch in übernatürliche Erklärungen verrannt. Erst mit der zentralen Erkenntnis von Lorenz, die als „Rückseite des Spiegels“ die physiologischen Grundlagen des Mensch-Seins aufdeckt, kann dieser Mangel auf rein natürliche und geistige Weise behoben werden und somit eine Evolutionstheorie gefunden werden, die auch auf den Menschen vollständig anwendbar ist und mit deren Hilfe selbst die Probleme des modernen Menschen gelöst werden können. U.a. kann mit dieser Theorie eben auch das allgemein, endgültig und nachhaltig überwunden werden, was Lorenz von seinen Kritikern pauschal vorgeworfen wird. Zu dieser die Natur des Menschen umfassend erklärenden Theorie bedarf es lediglich der Eigenschaft, die diese Natur nach der zentralen Erkenntnis von Lorenz eigentlich ausmacht, nämlich unseres neuronal bedingten Geistes, einer geistigen statt einer genetischen Fitness, oder anders ausgedrückt, eines „tieferen Nachdenkens“.

Den Mut haben, sich jenseits von Konventionen, Rang- und Machtstrukturen und dergleichen seines eigenen Verstandes zu bedienen, um etwa überlieferte und idealisierte Lehren immer wieder auch gegen den Zeitgeist kritisch zu hinterfragen, das ist nicht nur nach Kant der Leitspruch der Aufklärung, sondern auch der Evolutionstheorie nach das eigentlich Menschliche, das die geistig-kulturelle Evolution erhält und weiterbringt.

 

 

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