Sozialdarwinismus und Soziobiologie als Folge von Darwins Irrtum

Nach den desaströsen Erfahrungen mit dem Sozialdarwinismus entstand nach dem zweiten Weltkrieg eine neue Theorie der sozialen Evolution einschließlich des menschlichen Seins. Der amerikanische Biologe Edward O. Wilson etablierte sie 1975 unter dem Namen »Soziobiologie« als neue naturwissenschaftliche Disziplin und galt seitdem als ihr »Vater«. Aufgrund neuer, empirisch gewonnener Erkenntnisse verwirft Wilson heute jedoch nach fast 40 Jahren diese zwischenzeitlich überall etablierte Theorie zum Entsetzen und Widerspruch ihrer Anhänger und wissenschaftlichen Vertreter wieder vollständig. Er vertritt heute eine neue Theorie der Entwicklung des Sozialen, bei der er wieder auf die sogenannte Gruppenselektion der alten Verhaltensforschung von Konrad Lorenz zurückgreift. Welche dieser drei sich widersprechenden Theorien der Evolution des Sozialen ist die wahre, welche bestimmt das Verhältnis zwischen unserem genetisch verankerten animalischen Erbe mit seinen Instinkten und dem exklusiv Menschlichen von Sprache, Geist und Kultur zutreffend? Entscheidend sollte auch hier sein, ob und inwieweit eine Theorie die Phänomene der Praxis und Realität, von der sie handelt, richtig beschreiben und dabei Probleme dieser Realität lösen oder zumindest einsichtig erklären kann. Eine Theorie über die evolutionäre Natur des Menschen sollte sich dementsprechend vor allem auf das Problem von Gewalt und Krieg beim Menschen anwenden lassen. Das wird hier als Maßstab und Prüfstein dafür genommen, diese drei Theorien zu vergleichen. Dabei zeigt sich, dass die eigentliche Ursache der bis heute andauernden Widersprüche und Irrwege dieser Theorien schon bei Charles Darwin liegt, und dass der damalige Einwand des Mitentdeckers Alfred Russel Wallace völlig berechtigt war. Darwins Evolutionstheorie lässt sich in der jetzigen Form nicht auf den Menschen anwenden, denn dann entstehen die „dunklen Rätsel“, die Darwin bei den kulturellen Fortschritten der Völker sah, und es endet wie geschehen bei konsequenter Anwendung letztlich im Sozialdarwinismus.

 

 

Aufgaben und Eigenschaften einer Theorie

Laut Wikipedia ist eine Theorie ein System von Aussagen, das dazu dient, Ausschnitte der Realität zu beschreiben bzw. zu erklären und Prognosen über die Zukunft zu erstellen. Eine Theorie ist so eine Abstraktion oder ein Bild dessen, was wir als Praxis oder Realität bezeichnen. Idealerweise konzentrieren sich diese Beschreibungen der vielfältigen und komplexen Erscheinungen der Praxis oder Realität in einer Formel oder einem Gesetz, wie etwa dem Gravitationsgesetz von Newton. Entscheidend für die Richtigkeit einer Theorie im wissenschaftlichen Verständnis ist auf jeden Fall, dass sie empirisch geprüft werden kann. Das wiederum kann als Sonderfall dessen angesehen werden, dass mittels einer Theorie Prognosen oder Handlungsempfehlungen über den Bereich der Praxis und Realität abgegeben werden können, von dem sie handelt. Ein anschauliches Beispiel dafür beschreibt der Biologe Jaques Monod:

„Wie sicher man sich auch seit Ende des 19. Jahrhunderts ihrer Geltung für die Erscheinungswelt war und obwohl sie die gesamte Biologie beherrschte – die Evolutionstheorie hing sozusagen in der Luft, wie es keine physikalische Theorie der Vererbung gab. Die Hoffnung, bald dahin zu gelangen, erschien noch vor dreißig Jahren trotz der Erfolge der klassischen Genetik wie ein Traum. Das jedoch, was man suchte, bietet heute die Molekulartheorie des genetischen Code. »Theorie des genetischen Code« verstehe ich hier im weiten Sinne: Sie umfasst für mich nicht nur die Einsicht in die chemische Struktur der Erbsubstanz und die in ihr enthaltene Information, sondern auch in die molekularen Mechanismen des morphogenetischen und physiologischen Ausdrucks dieser Information.“1

Mit Hilfe dieser Theorie ließ sich nicht nur die Vererbung, sondern auch der Aufbau und die Funktion des Lebendigen erklären und als Folge davon auch manipulieren bzw. künstlich reproduzieren. Es ergaben sich weitere konkrete praktische Anwendungen wie etwa in der Kriminalistik durch den sogenannten genetischen Fingerabdruck. Alles das sind weitere empirisch gewonnene und auch für den Laien zumindest vom Ergebnis her anschauliche und einsehbare Verifizierungen dieser Theorie. Es ähnelt der Tätersuche in einem Kriminalfall, d.h. nur ein oder zwei Indizien reichen zur Aufklärung nicht aus, es muss vielmehr ein geschlossener, in sich widerspruchsfreier »Tatablauf« rekonstruiert werden. Der Vitalismus etwa mit seiner postulierten Lebenskraft stellte bis zur Entdeckung der Theorie des genetischen Codes zwar auch eine Erklärung des Lebendigen dar, doch diese ließ sich nicht weiter mit der Praxis und der materiell-körperlichen Ebene verknüpfen bzw. darüber verifizieren oder irgendwie anwenden.

Auch eine zutreffende naturwissenschaftliche Theorie über Krankheitserreger kann in dieser Weise nicht nur das Geschehen beim Ausbruch einer Seuche wie Ebola beschreiben, vor allem wie sie sich verbreitet, sondern das ist gleichzeitig die Grundlage dafür, konkrete Anleitungen dazu geben, wie die Seuche effektiv wieder einzudämmen ist. Desweiteren können mit einer objektiv wahren Theorie zielgerichtet Gegenmaßnahmen wie Impfstoffe gefunden werden. Alle diese wirksamen Anwendungen sind gleichzeitig Verifizierungen der Theorie. Übernatürliche oder religiöse Erklärungen bieten dagegen nur Scheinlösungen, sie wirken nur psychologisch (manchmal als Placeboeffekt). Sie lassen sich weder verifizieren noch erzielt ihre Anwendung einen objektiv nachweisbaren Effekt.

Genauso verhält es sich mit religiösen Theorien über das Wesen des Menschen. Sie wirken in erster Linie psychologisch, können aber, wenn sie selbst auf natürliche Weise in der Evolution entstanden sind, doch eine Wirkung im Sinne des Evolutionsprozesses entfalten. Das ist dann gegeben, wenn die Bildung eines neuen Gottesbildes von bestimmten Erfordernissen des fortlaufenden Evolutionsprozesses (mit)bestimmt wurde (was darin nichts anderes als eine evolutionäre Erklärung der Religion ist). Als Beispiel lässt sich hierfür der Übergang vom Alten zum Neuen Testament im Christentum anführen, durch den die moralische und religiöse Ächtung von Gewalt und Krieg nicht nur innerhalb eines Volkes, sondern durch das neue Gottesbild als neues zentrales Gebot dann auch zu fremden Völkern hin ausgeweitet wurde.

Doch wie bei der Überwindung von Seuchen und Krankheiten sind diese Lösungen in ihrem übernatürlichen Verständnis nur sehr eingeschränkt wirksam, was sich im Falle von Gewalt und Krieg auch nach 2.000 Jahren erst in jüngster Zeit mit den beiden Weltkriegen und ihren ca. 60 Millionen Toten wieder empirisch offenbart hat. Da die religiöse Theorie zur Überwindung von Gewalt und Krieg dieses nicht mehr passende Verhalten des Menschen nur unzureichend mittels übernatürlicher Vorstellungen erklären kann, ist es in der Wirkung sehr eingeschränkt, d.h. es wirkt nur solange und soweit, wie der Glaube an übernatürliche Wesen vorhanden ist und befolgt wird. Und wenn es um diesen übernatürlichen Glauben selbst geht, wie in den religiös motivierten Auseinandersetzungen, wirkt es nicht.

Kann eine evolutionäre Theorie über die Natur des Menschen die Unangepasstheit von Gewalt und Krieg besser als eine religiöse Theorie erklären und das dann auch anwenden? Genau das sollen die drei genannten evolutionären Theorien bei dem schon von der Religion versuchten Bestreben, das Zusammenleben der Menschen zu verbessern und Gewalt und Krieg zu eliminieren, hier unter Beweis stellen.

 

Die Rolle und Bedeutung von Gewalt und Krieg in der Soziobiologie

Die nach dem zweiten Weltkrieg entstandene neue Idee erklärt die Evolution des Sozialen einschließlich des menschlichen Seins über Altruismus und Verwandtenselektion. Diese Theorie wurde 1955 von dem britischen Biologen J. B. S. Haldane entworfen und 1964 von sein Landsmann William D. Hamilton weiterentwickelt. Zum neuen Paradigma der Biologie und zur neu geschaffenen naturwissenschaftlichen Disziplin machte es der amerikanische Biologe und Ameisenforscher E. O. Wilson mit seinem 1975 erschienenen Buch „Sociobiology – The New Synthesis“.

Die Idee besteht darin, dass die altruistische Hilfe bei der Aufzucht der Nachkommen von Verwandten immer auch der Verbreitung der eigenen Gene dient, die sie ja mit ihren Verwandten je nach Grad der Verwandtschaft gemeinsam haben. Diese Theorie wurde aus der Ameisenforschung abgeleitet, da dort die Arbeiterinnen gar keinen eigenen Nachwuchs haben, sie jedoch mit ihrem Altruismus bei der Aufzucht des Nachwuchses der mit ihnen eng verwandten Königin dadurch auch ihre eigenen Gene verbreiten. Letztlich ist der „phänotypische Altruismus“ jedoch ein „genetischer Egoismus“, d.h. die Hilfe geschieht nur, um die eigenen Gene auf diese Weise zu verbreiten. Die neue Idee der Verwandtenselektion mit ihrem Altruismus baut so auf der Theorie des „egoistischen Gens“ auf. In der Konsequenz dessen werden auch gruppendienliche Strategien „gen-egoistisch“ aufgefasst, d.h. es gibt in dieser Auffassung gar keine Gruppenselektion.

Wie die Verwandtenselektion konkret funktioniert, schildert der Soziobiologe Eckart Voland in seinem Buch „Soziobiologie“ anhand eines extremen Beispiels. Jemand besitzt ein Gen, das seinen Träger zur eigenen Kinderlosigkeit anhält, um dafür altruistisch dem Leben von Verwandten zu dienen. Dieses Gen kann sich dann trotz der eigenen Nichtfortpflanzung in der Population ausbreiten, wenn aufgrund der geleisteten Verwandtenhilfe mehr als zwei Vollgeschwister (Verwandtschaftsgrad = 0,5, also 50% Wahrscheinlichkeit das genannte Gen ebenfalls zu besitzen) oder mehr als vier Nichten oder Neffen (Vewandtschaftsgrad = 0,25) überleben und sich ihrerseits erfolgreich fortpflanzen.2 Die altruistische Verwandtenhilfe dient so selbst in diesem Extremfall der reproduktiven Selbstaufgabe eines Gens der „egoistischen“ Verbreitung dieses Gens.

Dieser phänotypische Altruismus bzw. genetische Egoismus soll dann auch allgemein das Soziale beim Menschen erklären, indem größere soziale Hilfe wie bei den Ameisen einen verstärkten Einfluss auf die Verbreitung der eigenen Gene hat, so eine höhere genetische Fitness nach sich zieht, die zusammen mit der sich durch die allgemeine Selektion ergebenden genetischen Fitness die sogenannte Gesamtfitness der Soziobiologie bildet. Wie bei der Gruppenselektion gilt zwar auch hier, dass mehr Altruismus und soziale Hilfe die genetische Fitness der Gruppe oder des Stammes steigert, wobei in der Soziobologie die genetische Fitness der wichtigste und allgemeine Maßstab zur Beurteilung der Entwicklung ist. Während bei der Gruppenselektionstheorie der Altruismus der sozialen Hilfe Folge eines normalen Mutations- und Selektionsprozesses ohne jeden Bezug zu einem Verwandtenverhältnis ist, so dass hier nur eine einzige genetische Fitness vorhanden ist, ist bei der Verwandtenselektion Altruismus und soziale Hilfe stets strikt an die Gesetzmäßigkeiten der Vererbung geknüpft, was eine gesonderte genetische Fitness ergibt, die entsprechend der Gesetzmäßigkeiten der Vererbung bei der Fortpflanzung mathematisch fassbar zu sein scheint.

Diese neue Theorie schien auf diese Weise einfach und nachvollziehbar zu wirken und sie proklamierte gerade in Bezug auf den Menschen eine neue Verstehensweise von Evolution. Denn der entscheidende Faktor der sozialen Evolution bestand demnach nicht mehr im Kampf ums Dasein, der sich beim Menschen im Desaster des Sozialdarwinismus gezeigt hatte, sondern der neu vorgestellte Kern der sozialen Evolution sollte nun der Altruismus sein, der gesetzmäßig und mathematisch fassbar über Verwandtenselektion und Gesamtfitness wirkt, auch wenn das letztlich nur ein genetischer Egoismus ist. Diese Theorie wird in der Soziobiologie bis heute als die neue zentrale Erklärungsformel der Evolutionstheorie angesehen.

 

Das Entscheidende dieser Theorie besonders im Gegensatz zur alten Verhaltensforschung etwa von Konrad Lorenz stellt Voland zutreffend fest, wenn er sagt:

„Die Auffassung von der gen-zentrierten Wirkweise der biologischen Evolution steht in krassem Widerspruch zu Vorstellungen, wie sie zuvor in der Verhaltensforschung vorgeherrscht haben und wie man sie mit dem Schlagwort der »Gruppenselektion « etikettiert hat. Man nahm an, dass evolutionäre Angepasstheiten sich am besten aus dem Umstand heraus erklären, dass nicht Individuen, sondern ganze Kollektive – seien es nun Gruppen, Populationen oder Arten – im Darwinischen Wettbewerb miteinander konkurrieren. […] Beispielsweise spielt die Idee des Artwohls als eine durch die natürliche Selektion begründete Lebensmaxime eine ganz entscheidende Rolle bei Konrad Lorenz’ (1963) Interpretation des »sogenannten Bösen«“3.

Dieser gen-zentrierte Ansatz der Soziobiologie heißt vor allem, dass das geistig-kulturelle Sein des Menschen nicht als Kategorie eigener Art angesehen wird. Kultur spielt der Aussage von Voland nach in der Soziobiologie zwar eine bedeutende Rolle bei der Lösung der biologischen Grundprobleme von Selbsterhaltung und Reproduktion, aber mit dem Argument, dass Kulturfähigkeit biologisch evolviert ist,4 werden Geist und Kultur letztlich immer mit den Gesetzmäßigkeiten der genetischen Evolution verstanden und unter dem Gesichtspunkt der „genetischen Fitness“ beurteilt. In dieser Weise kommen bei Voland dann Aussagen zustande, wie: „Elterliches Vermögen, Kinder sozial vorteilhaft und mit guten eigenen Reproduktionschancen versehen sozial zu platzieren, ist gerade auch unter den modernen Lebensbedingungen von ganz wesentlicher Bedeutung für die genetische Fitness“5.

Andere Arten der Erklärung menschlichen Verhaltens werden in der Soziobiologie ausdrücklich ausgeschlossen, was die großen Differenzen zu den Geistes- und Kulturwissenschaften nach sich zieht, denn es heißt bei Voland: „Vor diesem Hintergrund wird das eigentliche Problem der sogenannten »nature/nurture-Debatte« sichtbar: die unter manchen Biologen und Kul­turwissenschaftlern gleichermaßen weit verbreitete Auffassung, wonach »Sozialisation« oder »Kultur« Alternativen zur evolutiven Erklärung mensch­lichen Verhaltens sein sollen, beruht schlichtweg auf einem Kategorienfehler6. Das heißt auch, dass es, etwa aufgrund des einfachen Werkzeuggebrauches bei manchen Tieren, bezüglich der kulturellen Evolution keine scharfe Trennlinie zwischen Tieren und Menschen gibt. Voland bestreitet damit das, was bei Lorenz ausdrücklich gilt, nämlich dass Geist und Kultur beim Menschen eine Kategorie oder Schicht eigener Art mit eigener Gesetzmäßigkeit und eigenen Werten ist, die in weiten Bereichen unabhängig von den genetischen Gesetzmäßigkeiten und Werten wirken.

 

Von dieser theoretischen Grundlage her behandelt Voland in seinem Buch das Thema Gewalt und Krieg zwischen menschlichen Gruppen im Kapitel „Gruppenphänomene“. Voland vergleicht darin Auseinandersetzungen zwischen Gruppen von Tieren mit den Kriegen der Menschen und vermutet, dass aufgrund der großen Parallelen es sich bei den Gruppenkämpfen unter Schimpansen um stammesgeschichtliche Vorformen des menschlichen Kriegsgeschehens handeln könnte: „In der Psyche unserer nächsten Verwandten zeigen sich Eigenheiten, die durchaus als Prädispositionen für die Evolution kollektiven Kampfverhaltens unter Menschen gelten können“7. Wichtig in Bezug auf Wilson und vor allem Lorenz ist, dass laut Voland Kriege „in letzter Analyse“ nicht auf Grund eines Instinkts oder verhängnisvollen, seinen Tribut einfordernden Aggressionstriebs geführt werden, sondern Kriege werden gemäß Voland mit einem Zitat des Anthropologen Harris in Bezug auf Wildbeuter- und Pflanzergesellschaften geführt, um einen gefährdeten Lebensstandard mit Hilfe des Zugangs zu neuen Ressourcen, ertragreicheren Lebensräumen oder Handelsrouten zu sichern oder zu verbessern: „Krieg lässt sich daher am besten als eine tödliche Form des Konkurrierens autonomer Gruppen um knappe Ressourcen verstehen“8.

Voland ergänzt diese Begründung von Harris noch um die Aspekte „weibliche Fruchtbarkeit“ und „sozialer Status“, „wenn deren Knappheit den Reproduktionserfolg gefährdet“9. Das ist deswegen wichtig, weil es in der Soziobiologie immer um die Maximierung der genetischen Fitness geht, und der einzige Parameter, mit dem diese Fitness gemessen werden kann, ist die Reproduktion. So gilt als Ursache für Gewalt und Krieg in der Soziobiologie: „Man muss davon ausgehen, dass unter den Bedingungen traditioneller Gesellschaften Menschen – auch wenn sie Krieg führen – versuchen, die Kosten/Nutzen-Relation ihrer Produktion und Reproduktion zu optimieren. Deshalb sind Stammeskriege als im Durchschnitt adaptive Antworten auf verschärfte Fitnesskonkurrenz aufzufassen und nicht etwa als Ausdruck eines pathologisch degenerierten Umgangs mit aggressiven Impulsen“10.

Mit der Fitnessmaximierung als Ideal der Soziobiologie werden mit dieser Aussage jedoch, unter ausdrücklichem Ausschluss der Instinkte oder „aggressiven Impulse“, auch heutige Kriege grundsätzlich gerechtfertigt. Das gesamte Kapitel der Gruppenphänomene als Gewalt und Krieg endet in der Aussage, dass es Kriege nicht aufgrund zwischenzeitlich unangepasster Instinkte gibt, sondern ausschließlich als „verschärfte Fitnesskonkurrenz“ autonomer Gruppen um knappe Ressourcen. Die Soziobiologie als eine Theorie über die Natur des Menschen erklärt so zwar eine evolutionäre Ursache von Gewalt und Krieg, aber es ist bei Voland überhaupt nicht die Rede davon, dass dieses Verhalten zu überwinden sei, geschweige denn, wie es zu überwinden sei. Das wird in diesem Kapitel mit keinem Wort erwähnt.

Das Groteske daran ist, dass Voland in diesem Kapitel eindrucksvolle Argumente dafür anführt, dass in den modernen Gesellschaften Gewalt und Krieg rapide abgenommen haben. So erkennt Voland, dass „trotz ihrer großen Katastrophen die Geschichte der Zivilisation gekennzeichnet ist durch eine Abnahme kriegerischer Gewalt und – bezogen auf die Populationsgrößen – der dadurch verursachten Bevölkerungsverluste“11. Selbst der im zweiten Weltkrieg geforderte Blutzoll der Länder mit den meisten Kriegstoten, also Deutschland und die Sowjetunion, reicht laut Voland nicht an die Zahl der Toten heran, die bei primitiven Gesellschaften den dortigen Gruppenkonflikten regelmäßig zum Opfer fallen (bezogen auf die Bevölkerungszahl). Auch bezüglich der Gewalt innerhalb der sozialen Gruppen zeigt sich in naturnahen Gesellschaften ein beachtliches Maß an Aggressivität, das zu deutlich mehr Tötungsfällen führt, als selbst in US-amerikanischen Großstädten, die hier in den westlichen Kriminalstatistiken führend sind. Nach Volands aufgeführter Statistik fallen in US-Metropolen 29 Menschen pro 100.000 Einwohner im Jahr einem innergesellschaftlichen Tötungsdelikt zum Opfer, bei den Copper-Inuit sind es 419, also fast 15 mal soviel, und selbst bei den wegen ihrer Friedfertigkeit bekannten !kung-San der Kalahari sind es noch 55 Tote im Jahr. Bei Voland sind die Zahlen für Deutschland nicht zu finden, laut der deutschen Kriminalstatistik sind es bei uns 585 vollendete Delikte von Mord und Totschlag im Jahr 2013, also 0,7 Tote pro Jahr und 100.000 Einwohner!

Diese große und signifikante Abnahme von Gewalt und Krieg in den zivilisierten westlichen Gesellschaften nutzt Voland aber nur zu der Argumentation, dass das Bild vom „edlen Wilden“, das der Philosoph Jean Jaques Rousseau in romantischer Verklärung im 18. Jahrhundert gezeichnet hat, nicht zutreffend ist. Voland will darlegen, dass die verschärfte Fitnesskonkurrenz autonomer Gruppen um knappe Ressourcen auch schon für die Urvölker, ja selbst für unsere animalischen Vorfahren galt, so dass der gen-zentrierte Ansatz mit seinem Fitnessideal, das sich in gesteigerter Reproduktion zeigt, seit jeher Gültigkeit besaß. Nach den Gründen, warum Gewalt und Krieg in dem modernen Gesellschaften stark abgenommen haben, fragt er nicht und die Frage und Hoffnung einer weiteren oder gar vollständigen Eliminierung von Gewalt und Krieg interessiert ihn von daher ebenfalls nicht. Ihm geht es im Rahmen seiner Theorie nur darum, zu zeigen, dass Gewalt und Krieg etwas mit Fitnessmaximierung im Kampf um knappe Ressourcen und mit Reproduktion zu tun haben, um so auch hier den soziobiologischen Ansatz zu bestätigen.

Nach diesem soziobiologischen Ansatz der Gen-Zentriertheit kann es gar nicht sein, dass die Gewaltabnahme in den modernen Gesellschaften etwas mit Kultur und nicht mit genetischer Fitness zu tun hat. Das würde dem gesamten soziobiologischen Ansatz widersprechen und darum findet man auch bei Voland nichts über die kulturelle Entwicklung des Menschen, die nichts mit den Genen zu tun hat, insbesondere eben im Fall von Gewalt und Krieg. So ignoriert Voland vollständig, dass die ersten Fortschritte bei der Überwindung der Gewalt von der Religion gemacht wurden, besonders durch das Alte Testament mit seinen zehn Geboten, die zunächst ausschließlich für die eigene Gruppe oder das eigene Volk galten. Denn im fünften Buch Mose/Deuteronomium, Kapitel 20, Vers 13-17 (Einheitsübersetzung) forderte der Gott des Alten Testamentes geradezu noch den Völkermord insbesondere gegenüber den (die eigenen Ressourcen und das eigene Territorium bedrohenden) direkten Nachbarvölkern („ ...darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, [..] der Vernichtung weihen“). Dieses »böse« Verhalten wurde erst mit dem neutestamentlichen Gott zur größten Sünde überhaupt, so dass diese religiösen Vorschriften zur Gewaltüberwindung erst dann auch das Verhalten zwischen den verschiedenen Gruppen und Völkern betrafen, und das hatte trotz aller sonstigen Unzulänglichkeit des religiösen Glaubens seinen Effekt.

Später kamen dann noch weitere kulturelle Einflüsse hinzu, wie besonders das Rechtssystem. So beschreibt Friedrich Schiller in seiner Antrittsvorlesung als Geschichtsprofessor 1789 den wilden Zustand unseres eigenen Volkes zur Römerzeit. „In seinen Göttern malt sich der Mensch“, niedergebeugt von Sklaverei, Dummheit und Aberglauben wirft er sich Schiller nach vor lächerlichen Fetischen oder einem grausenvollen Scheusal nieder, oder er gibt sich dem anderen Extrem einer gesetzlosen Freiheit hin. Dieser Wilde ist nach Schillers Worten, von jedem Geräusch aufgescheucht, immer zum Angriff oder zur Verteidigung gerüstet - mit der Konsequenz der von Voland belegten Opferzahlen in den naturnahen Gesellschaften. Erst als der Mensch „von dem blinden Zwange des Zufalls und der Noth [..] sich unter die sanftere Herrschaft der Verträge geflüchtet und die Freiheit des Raubthiers hingegeben [hat], um die edlere Freiheit des Menschen zu retten“, findet er sich durch „weise Gesetze“ „in seines Erwerbes friedlichen Besitz sicher unter einer Million, ihn, dem sonst ein einziger Nachbar den Schlummer raubte“. „Das Gesetz wacht [nun] über sein Eigenthum“.

Die von Voland belegte aber nicht weiter beachtete starke Abnahme von Gewalt und Krieg ist nicht von selbst gekommen und auch nicht das Ergebnis einer genetischen Fitness, sondern die direkte Folge des wachsenden Einflusses der Kultur des Menschen. Zwar ist wie von Voland angeführt letztlich das Geistig-Kulturelle des Menschen auch durch die genetische Evolution hervorgebracht und die Grundlagen des Geistig-Kulturellen sind genetisch gespeichert. Doch das Geistig-Kulturelle lässt sich mit den genetischen Gesetzmäßigkeiten ebenso wenig fassen, wie das Lebendige mit den physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten des Materiellen – obwohl das Lebendige der Evolutionstheorie nach aus dem Materiellen entstanden ist und darauf weiterhin gründet.

Die Theorie der Soziobiologie, in der die Kultur des Menschen nur eine Nebenrolle spielt, hat von dieser theoretischen Grundlage her zu den Problemen des Menschen wie Rassismus, Zerstörung der Biosphäre oder der Überbevölkerung nicht viel zu sagen. Das liegt in der Konsequenz des Ansatzes dieser Theorie, denn ihr Ideal der genetischen Fitnessmaximierung misst sich nur an Erfolg und Reproduktion. Zur Überwindung von Gewalt und Krieg ist sie überhaupt nicht geeignet. Ganz im Gegenteil ist das eigentliche Wirkmittel der genetischen Evolution, so wie sie das Leben bis zum Menschen hervorgebracht hat, gerade Gewalt und der Krieg, denn dadurch wurden die nicht passenden genetischen Informationen in der innerartlichen Aggression vor allem ausselektiert. Dort hatte die Verhaltensweise von Gewalt und Krieg ihren Sinn und Nutzen. In Bezug auf das Geistig-Kulturelle des Menschen ist dieses der genetischen Evolution dienende Verhalten von Gewalt und Krieg zusammen mit dem dazugehörenden Begriff der „genetischen Fitness“ dagegen unangepasst und fehl am Platz. Nur in Hinsicht der genetischen Evolution passt dieser Begriff und dort steht er vor allem dafür, womit der Dichter Alfred Lord Tennyson (1809 –1892) den erbarmungslosen Kampf dieser genetischen Evolution ausdrückte: (blut-)„rot an Zähnen und Klauen“.

 

Die Kritik von Wilson an der Soziobiologie und seine neue Theorie über die Natur des Menschen

Ab den 1990er Jahren wuchsen bei Wilson aufgrund empirischer Daten die Zweifel an der Theorie von Verwandtenselektion und Gesamtfitness. Wie er es in seinem letzten Buch „Die soziale Eroberung der Erde“ beschreibt, wirkte die Theorie vom egoistischen Gen zunächst ganz und gar vernünftig. „In der Tat galt sie den meisten Evolutionsbiologen gleichsam als Dogma – zumindest bis 2010. Dann wiesen Martin Nowak, Corina Tarnita und ich nach, dass die Theorie der Gesamtfitness, häufig auch als Theorie der Verwandtenselektion bezeichnet, sowohl mathematisch als auch biologisch fehlerhaft ist“12. Diese Fehler hatten es allerdings in sich, denn so Wilson: „Die schöne Theorie hat ohnehin nie gut funktioniert, aber jetzt ist sie in sich zusammengestürzt“13.

Zum einen betrifft diese Kritik die mathematische Gleichung, in der sich die Theorie von Verwandtenselektion und Gesamtfitness angeblich fassen lässt. Wilson führt diesen mathematischen Ausdruck ad absurdum, indem er sagt, „dass r, ursprünglich der genetische Verwandtschaftsgrad, ebendas darstellte, was Hamiltons Ungleichung funktionieren lässt“14.

Die weitere Kritik von Wilson stellt sogar die wissenschaftliche Methode, die zur vermeintlichen Schlüsselrolle der Verwandtschaft bei der sozialen Evolution geführt hat, in Frage:

„Schlimmer noch: Der Glaube an die vermeintliche Schlüsselrolle der Verwandtschaft bei der sozialen Evolution hat uns dazu geführt, dass die normale Reihenfolge biologischer Forschung umgekehrt wurde. In der Evolutionstheorie wie in den meisten Naturwissenschaften ist es erwiesenermaßen die beste Methode, ein Problem zu definieren, das sich aus der empirischen Forschung ergibt, und dann die geeignete Theorie zu seiner Lösung auszuarbeiten. Bei der Gesamtfitness-Theorie ist fast die gesamte Forschung umgekehrt verlaufen: Erst wurde hypothetisch die zentrale Rolle der Verwandtschaft und der Verwandtenselektion festgelegt, dann wurde nach Beweisen gesucht, die diese Hypothese belegen sollten“15

Bei der hypothetischen Festlegung dieser Theorie hatten wohl zwei Motive entscheidenden Anteil: Die Verlockung, nach den Erfahrungen mit dem Sozialdarwinismus die moralisch gute Verhaltensweise des Altruismus zu einem zentralen Bestandteil der Evolutionstheorie zu machen und eine neue Theorie möglichst mit einem mathematischen Ausdruck fassen zu können, was die systematischen genetischen Verwandtschaftsverhältnisse zu bieten scheinen.

In einer weiteren Kritik verwendet Wilson einen religiösen Ausdruck, der in der Wissenschaft eigentlich nichts zu suchen hat, der aber vielleicht treffend das eigentliche Problem der heftigen Auseinandersetzungen um eine evolutionäre Theorie des Menschen beschreibt:

„Das alte Paradigma der sozialen Evolution, das nach vier Jahrzehnten fast schon Heiligenstatus genießt, ist damit gescheitert. Seine Argumentation von der Verwandtenselektion als Prozess über Hamiltons Ungleichung als Bedingung für Kooperation bis zur Gesamtfitness als darwinschem Status der Koloniemitglieder funktioniert nicht. Wenn es bei Tieren überhaupt zur Verwandtenselektion kommt, dann nur bei einer schwachen Form der Selektion, die ausschließlich unter leicht verletzbaren Sonderbedingungen auftritt. Als Gegenstand einer allgemeinen Theorie ist die Gesamtfitness ein trügerisches mathematisches Konstrukt; unter keinen Umständen lässt es sich so fassen, dass es wirkliche biologische Bedeutung erhält. Auch für den Nachvollzug der Evolutionsdynamik genetisch bedingter sozialer Systeme ist es unbrauchbar“16

Demnach endet auch dieser Versuch der Soziobiologie über Altruismus, Verwandtenselektion und Gesamtfitness den Menschen und sein soziales Wesen von der Evolutionstheorie her zu erklären wie schon im Sozialdarwinismus in einem Desaster.

 

Wilson versucht gegenüber Verwandtenselektion und Gesamtfitness eine neue, alternative Erklärung der sozialen Entwicklung und des evolutionären Mensch-Seins, bei der er von der Verwandtenselektion, der Theorie des egoistischen Gens und dem Begriff der genetischen Fitness ganz abrückt und wieder die Gruppenselektion der traditionellen Verhaltensforschung vertritt. Genauer gesagt ist es Wilson nach das Gegeneinander von Individual- und Gruppenselektion, von ihm auch Multilevel-Selektion genannt, das bei den Mitgliedern einer Gesellschaft zu einer Mischung aus Altruismus und Egoismus führt, wobei „die Gruppenselektion ganz klar der Prozess ist, der für das fortgeschrittene Sozialverhalten verantwortlich ist“17.

Dabei sieht Wilson allerdings genau wie die von ihm kritisierte Soziobiologie die Kultur nicht als etwas spezifisch Menschliches an, sondern Kultur wie etwa die des einfachen Werkzeuggebrauchs haben für ihn schon die gemeinsamen Vorfahren von Schimpansen und Vormenschen erfunden: „Wir haben ausgebaut, was unsere Vorgänger entwickelt hatten, und wurden so zu dem, was wir heute sind“18. Hinsichtlich der Kultur gibt es daher für Wilson wie schon in der Soziobiologie (was sich bei Lorenz dann ganz anders darstellt) keine scharfe Grenze zwischen Tier und Mensch: „Die meisten Forscher sind sich auch einig, dass der Begriff der Kultur auf Tier und Mensch gleichermaßen angewandt werden sollte, um damit die Kontinuität zwischen beiden zu unterstreichen, ungeachtet der ungleich größeren Komplexität im menschlichen Verhalten“19.

Hinsichtlich der Frage, warum etwa Delfine und andere Wale mit großen Gehirnen, deren Evolution Millionen von Jahren zurückreicht, in der sozialen Evolution nicht weiter fortgeschritten sind, zeichnen sich für Wilson drei Gründe ab: Anders als Primaten haben sie keine Nester oder Lagerstätten, ihre vorderen Gliedmaßen sind Flossen und in ihrem Wasserreich ist ihnen der Einsatz kontrollierten Feuers für immer versagt. Denn dauerhafte Nester sind für Wilson wie bei den Ameisen die Grundvoraussetzung für soziale Interaktion und sozialen Fortschritt bis hin zur Staatenbildung. Die Fähigkeit mit Hilfe des kontrollierten Feuers Fleisch zu garen, um so eine hohe Kalorienzufuhr zu erreichen, war für ihn ein weiterer wichtiger Schritt zur sozialen Entwicklung.

Der ursprüngliche und entscheidende Unterschied zwischen den geistigen Fähigkeiten des Menschen und der anderer Tierarten (auch unserer nächsten genetischen Verwandten, der Schimpansen) liegt gemäß Wilson in der Fähigkeit zu kollaborieren, um gemeinsame Ziele und Intentionen zu verwirklichen. „Die Besonderheit des Menschen ist seine Intentionalität, ausgehend von einem extrem umfangreichen Arbeitsgedächtnis“20. Menschen interagieren nicht nur intensiv miteinander, wie das auch andere Tiere mit entwickelter Sozialorganisation tun, sondern beim Menschen tritt in einzigartigem Ausmaß der Drang zur Zusammenarbeit dazu, verbunden mit der Fähigkeit, die Absichten der anderen Gruppenmitglieder zu »lesen«.

Drei besondere Attribute sind für Wilson dann entscheidend dafür, dass der Mensch das mit Abstand höchste Niveau der sozialen Intelligenz erreichte. Das waren die geteilte Aufmerksamkeit (die Fähigkeit der Gruppenmitglieder bei einem Ereignisablauf demselben Gegenstand Beachtung zu schenken), das hochgradige Bewusstsein, um zur Erreichung eines gemeinsames Ziels gemeinschaftlich zu handeln und der Erwerb einer „Theory of Mind“ als der Erkenntnis, dass der eigene geistige Zustand von den anderen geteilt wird.

Als diese Attribute ausgebildet waren, kam es noch vor der Auswanderung aus Afrika vor ca. 60.000 Jahren zur Entwicklung der menschlichen Sprache. Das war nach Wilsons Worten der „Gral der menschlichen Sozialevolution“, denn von da an verlieh die Sprache „der menschlichen Spezies geradezu Zauberkraft“21. Jetzt konnte eine nahezu unbegrenzte Zahl von Botschaften generiert und übermittelt werden, um jede Erfahrung und jeden Traum mitteilen und nutzbar machen zu können.

 

Der Mensch wird der Theorie von Wilson nach nicht allein durch die genetischen Gesetzmäßigkeiten wie in der Soziobiologie bedingt, sondern gleichwertig auch durch Kultur und Sprache. Die Gene legen gemäß Wilson die Regeln fest, nach denen sich Gehirn, Sinnesorgane und Verhalten entwickeln, die dann die Natur des Menschen hervorbringen. Wilson sucht und definiert auf diese Weise die Natur des Menschen, wie er es ausdrückt, zwischen den Genen und den von der Anthropologie identifizierten Universalien der Kultur. Die Universalien der Kultur sind für ihn die sozialen Verhaltensweisen und Institutionen, die all den Hunderten von menschlichen Gesellschaften gemeinsam sind. Wilson zählt hier 67 dieser Universalien auf, wie etwa „Aberglaube über Glück und Unglück“, Begräbnisriten“ usw., wobei dazu auch die Sprache mit ihrer Zauberkraft gehört, aber nur als eine unter 66 anderen.22

Das, was zwischen den Genen und den Universalien der Kultur liegt, nennt Wilson die „epigenetischen Regeln“. Diese sind über einen langen Zeitraum der frühen Vorgeschichte durch die Wechselwirkung der genetischen und der kulturellen Evolution entstanden, der sogenannten „Gen-Kultur-Koevolution“, und Wilson sieht hierin den wahren Kern der menschlichen Natur. Wie es die Vorsilbe „epi“ ausdrückt, sind diese Regeln genetisch nicht fest vorgegeben, also weniger starr als reine Reflexe wie das Augenzwinkern oder der Kniesehnenreflex, und in diese Offenheit oder Flexibilität kann dann das gelernte Kulturelle mit hineinspielen. Wilson sagt darüber: „Diese Verhaltensformen werden erlernt, aber der Lernprozess ist, wie es in der Psychologie heißt, «vorbereitet»“23.

Im Gegensatz zur Soziobiologie, die das menschliche Sein rein von den genetischen Gesetzmäßigkeiten und der genetischen Fitness her beurteilt, ist bei Wilson das Sein und Verhalten des Menschen gespalten. Er sagt dazu: „Wir sind ein evolutionäres Mischwesen, eine Chimärennatur, wir leben dank unserer Intelligenz, die von den Bedürfnissen des tierischen Instinkts gesteuert wird. Deswegen zerstören wir gedankenlos die Biosphäre und damit unsere eigenen Aussichten auf dauerhafte Existenz“24. Der letzte Satz dieses Zitats vermittelt hier sofort die Bedeutung dieser Theorieänderung für die Praxis. Der Mensch ist im Sinne von Wilson allerdings der instinkthaften „Vorbereitung“ seines Verhaltens nicht hilflos ausgeliefert, weder in seiner Gier nach Macht, Rang und Reichtum noch in der Sexualität. Durch die Chimärennatur und den Einfluss des Geistig-Kulturellen darin kann sich das durch die Instinkte vorbereitete Verhalten wie etwa bei der Spinnen-, Schlangen- und Höhenangst gänzlich überwinden lassen, aber es kann sich dadurch andererseits auch zur Phobie ausweiten.

Als Beispiele für die epigenetischen Regeln nennt Wilson die Aspekte, nach denen wir sexuelle Attraktivität bestimmen, das, was zum Erwerb von Ängsten und Phobien führt, etwa vor Schlangen und Höhenangst, in welcher Feinheit wir Farben nach Farbton und -intensität sprachlich unterscheiden (so kennt etwa ein Volk auf Neuguinea gar keine Worte für Farbe, sondern nur die Begriffe „hell“ und „dunkel“), sie bestimmen die Eltern-Kind-Bindung und die Partnerbindung und betreffen gemäß Wilson auch Inzestvermeidung und Laktosetoleranz.

 

Wilson behandelt ausführlich ein weiteres grundlegend menschliches Verhalten, das ebenfalls den epigenetischen Regeln zuzurechnen ist und das bis heute gerade in Hinsicht auf Gewalt und Krieg eine große Problematik im Zusammenleben der modernen Gesellschaften beinhaltet, nämlich die Gruppenbildung und ihre Besonderheiten. Wilson schreibt, dass die angeborene oder instinktive Neigung, Gruppen zu bilden, für den Menschen tiefste Zufriedenheit und Stolz in dieser familiären Verbundenheit ergibt. Zu dieser instinktiven Neigung gehört es jedoch auch, dass jede Gruppe sich gegen rivalisierende Gruppen abgrenzt und engagiert verteidigt. Dieses Verhalten der Gruppenbildung und des konkurrierenden Umgangs mit anderen Gruppen gehört nach Wilson zu den Grundverhaltensweisen der menschlichen Natur.

Moderne, kulturell geprägte Gruppen wie etwa ganze Nationen, Sportvereine, Fanclubs, Religionen usw. entsprechen dabei psychologisch immer noch den Stämmen der ur- und vorgeschichtlichen Zeit, d.h. auch die modernen Gruppen handeln in der „Vorbereitung“ dieses Verhaltens nach den uralten Instinkten, die die Gruppen strukturieren und ihr gegenseitiges Verhalten in bestimmter Weise vorgeben. Wie Wilson es ausdrückt, trägt die Neigung, Gruppen zu bilden und dabei Mitglieder der eigenen Gruppe zu bevorzugen, „alle Kennzeichen eines Instinkts“25. Er führt dazu jahrelange Versuche in der Sozialpsychologie an, die gezeigt haben, wie schnell und entschieden sich Menschen in Gruppen aufteilen und dann zugunsten der einen Gruppe, der sie angehören, diskriminieren. Selbst wenn die Versuchsgruppen willkürlich eingeteilt und dann so gekennzeichnet wurden, dass die Mitglieder einander identifizieren konnten, und selbst wenn die vorgegebenen Interaktionen trivial waren, kam es bald zu Bevorzugungen der Eigengruppe.

Wilson nach neigt der Mensch daher (instinktiv) zum Ethnozentrismus und man kann so wohl auch sagen, dass er unter bestimmten Umständen zum Rassismus neigt. Er bevorzugt die Gemeinschaft von Menschen derselben Hautfarbe, Staatsangehörigkeit, Familie oder Religion. Hingegen geraten Menschen gemäß Wilson allgemein schneller in Wut, wenn klar ist, dass ein Fremdgruppenmitglied sich unfair verhält oder unverdient belohnt wird und sie reagieren feindselig, wenn eine Fremdgruppe auf das Revier oder die Ressourcen der Eigengruppe übergreift. Im Extremfall kann dieses Verhalten etwa in der Abspaltung einer Gruppe, deren Mitgliedern dabei die Humanität abgesprochen wird, jede Brutalität rechtfertigen, auf jeder Ebene und egal, wie groß die Opfergruppe ist, bis hin zu ganzen Rassen oder Bevölkerungen.

In diesem Konkurrenzverhalten von Gruppen bzw. der Gruppenselektion ist nach Wilson einerseits unser menschlicher Geist entstanden, da eine Gruppe, deren Mitglieder Absichten verstehen und miteinander kooperieren konnten und außerdem in der Lage waren, die Handlungen der konkurrierenden Gruppen abzusehen, einen außerordentlichen Vorsprung vor Gruppen gehabt hätten, die darin weniger begabt waren. Die Konstellation Gruppe gegen Gruppe war demnach eine grundlegende Antriebskraft, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Aber andererseits offenbart sich in dieser Konstellation Gruppe gegen Gruppe auch „unsere blutrünstige Natur“26. Wilson gemäß ist Krieg, häufig begleitet von Genozid, nicht ein kulturelles Artefakt einzelner Gesellschaften. Krieg und Genozid sind nach Wilsons Aussage „universell und ewig“27, sie gehören nicht zu bestimmten Zeiten oder Kulturen. Wie er weiter ausführt, sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewaltsame zwischenstaatliche Auseinandersetzungen nur wegen der nukleare Pattsituation der Hauptmächte deutlich weniger geworden. „Bürgerkriege, Aufstände und staatlich geförderter Terrorismus gehen aber unvermindert weiter“28.

Bei Wilson haben also Gewalt und Krieg schon unmittelbar etwas mit dem Prozess der Gruppenbildung und -selektion des Menschen zu tun, und darin nur u.a. auch mit dem Kampf um Ressourcen, von dem aus Voland den Krieg erst begründet. Wie es Wilson beschreibt, konnten durch die neolithischen Revolution vor zehntausend Jahren mit Landwirtschaft und Viehzucht zwar weitaus größere Nahrungsmengen zur Verfügung gestellt werden, so dass menschliche Populationen rasch anwachsen konnten. Dieser Fortschritt aber veränderte genau wie später die industrielle Revolution nicht die Natur des Menschen. Die Gruppen wurden dadurch einfach größer, so schnell die reichhaltigen neuen Ressourcen es erlaubten. Unvermeidlich wurden mit der exponentiell anwachsenden Bevölkerung irgendwann die erschlossenen Ressourcen aufgebraucht, was dann die Erschließung wiederum neuer Ressourcen verlangte, sei es durch neue, revolutionäre Erfindungen oder auf die altbewährte Art der (gewaltsamen) Territoriumsausweitung. Wilson sieht gerade die heutige Zeit von diesem Problem betroffen und schreibt in Hinsicht auf die wachsende Ressourcenknappheit wie etwa die des Wassers dazu: „Der Kampf um die Kontrolle lebensnotwendiger Ressourcen geht weltweit weiter, und er wird immer erbitterter“29.

Von diesem immer erbitterteren Kampf der konkurrierenden Gruppen um lebensnotwendige Ressourcen in der begrenzten Biosphäre der Erde lässt sich in Wilsons Buch ein Bezug zu dem letzten Kapitel „Wohin gehen wir?“ unter der Überschrift „Eine neuen Aufklärung“ herstellen, denn Wilson führt dort aus, dass der Mensch sich selbst und den anderen Lebewesen noch sehr viel Schaden zufügen wird und dass er damit aufhören muss, „unsere Heimat zu zerstören, die einzige Heimat, die die Menschheit je haben wird“30. „Ohne Not verwandeln wir das Gold, das wir von unseren Vorfahren geerbt haben, in Stroh, und unsere Nachkommen werden uns dafür verachten“31. Die Möglichkeit auf fremden Planeten an neue Ressourcen zu kommen oder andere Sternensysteme zu kolonisieren, ist für Wilson als Lösung völlig illusorisch.

Wilson vertritt hier die Auffassung, dass in dieser Situation die unermesslichen Probleme einer evolvierenden Zivilisation sich nicht durch immer weiteren Wettbewerb zwischen Religionen, Ideologien oder kriegerischen Nationen lösen lassen. Er spricht hier vom „Erwachsenwerden“, und zwar dadurch, dass „große Probleme nach großen Lösungen verlangen, die nur rational durch die Kooperation aller Parteien gelingen“32. Es genüge „Fuß zu fassen und die unbegrenzten Möglichkeiten der Erfüllung zu erkunden, die der Heimatplanet bietet“33.

Doch diese Vision der „großen Lösungen“ und „die unbegrenzten Möglichkeiten der Erfüllung“ führt Wilson dann nicht weiter aus, weder in Verbindung zu seiner in dem Buch zuvor dargestellten Theorie über die Natur des Menschen, noch sagt er, wie seine Aussage, dass „Krieg und Genozid universell und ewig [sind], sie nicht zu bestimmten Zeiten oder Kulturen [gehören]“34 hier ihre Gültigkeit verlieren soll. Statt von seiner Theorie her zu der „großen Lösung“ anzusetzen und sie konkret und einsichtig darzulegen, also zu sagen, wie der Mensch mit Hilfe seines geistig-kulturellen Potentials seine zu diesen großen und unermesslichen Problemen führenden Instinktbeeinflussungen überwinden kann, bekennt Wilson direkt danach, wie er es selbst treffend ausdrückt, seinen eigenen „blinden Glauben“35, dass, wenn wir es wollen, die Erde sich im 22. Jahrhundert in ein dauerhaftes Paradies für den Menschen verwandeln lässt oder zumindest in einen vielversprechenden Anfang davon. Als Voraussetzung dazu nennt er nur mehr oder weniger bekannte Allgemeinplätze als „neue Aufklärung“, nämlich die Überwindung des religiösen Glaubens an übernatürliche Mächte genauso wie des Glaubens an dogmatische politische Ideologien, stattdessen die vermehrte Hinwendung zur modernen Naturwissenschaft und das Verhalten, den einfachen Anstand gegenüber dem Anderen zum ethischen Grundsatz zu machen, unablässig unsere Vernunft zu gebrauchen und zu akzeptieren, was wir wirklich sind. Diese von Wilson genannten Entwicklungen der Aufklärung finden schon lange statt und sind natürlich weiterzuführen, aber das ist in dieser Form nichts wirklich Neues.

In der Theorie von Wilsons lässt sich ein konkreter Grund dafür finden, dass er zwar das richtige Ziel eines Paradieses im 22. Jahrhundert durch ein »Erwachsenwerden« setzt, indem „große Probleme nach großen Lösungen verlangen, die nur rational durch die Kooperation aller Parteien gelingen“, diesem Ziel aber nicht gerecht wird. Zunächst, was auch schon zu diesem Grund hinführt, irrt Wilson bei seiner Aussage, dass Krieg und Genozid universell und ewig sind. Denn durch kulturelle Einflüsse und Entwicklungen ist, was sich eben durch die Belege von Voland eindeutig ergibt (die dieser von seiner Theorie her nur nicht zu deuten weiß), die Gewalt innerhalb der modernen westlichen Gesellschaften und Demokratien im Vergleich zu den naturnah lebenden traditionellen Stammesgesellschaften ganz entscheidend eingeschränkt bzw. bis auf die in der Kriminalität geschehenen Ausnahmen eliminiert worden. Es ist nicht einzusehen, warum das global und international zwischen den Gesellschaften auf kulturelle Weise nicht ebenso zu verwirklichen sein soll, um so auch hier Gewalt und Krieg weitgehendst zu überwinden. Die ersten Ansätze dazu, also die Vereinten Nationen, sind zumindest schon lange vorhanden.

Wilsons Aussage muss daher dahingehend korrigiert werden, dass zwar die Auseinandersetzungen zwischen menschlichen Individuen und Gruppen als Motor der bisherigen und weiteren Entwicklung und Evolution zwar universell und ewig sind, denn die hat es von Anfang an gegeben und wird es immer geben. Doch diese Auseinandersetzungen müssen nicht unbedingt durch Gewalt und Krieg erfolgen! Sie können ohne Weiteres wie in unseren modernen Demokratien erfahrbar und gelebt allein in geistigen Auseinandersetzungen geschehen, d.h. nur die Auseinandersetzungen als solche sind universell und ewig, nicht aber in ihre Form von Gewalt und Krieg.

Die mit der kulturellen Entwicklung verbundene und erforderliche Abnahme von Gewalt und Krieg bemerken sowohl Voland als auch Wilson leider überhaupt nicht. Voland kann das nicht erkennen, weil seine Theorie das nicht tragen kann, denn es würde dieser Theorie widersprechen. Die Theorie von Wilson erkennt im Gegensatz dazu zwar die Kultur des Menschen als gleichberechtigte Quelle der Verhaltenssteuerung an, denn das definiert bei ihm die epigenetischen Regeln, doch die Kultur ist entsprechend der bei Wilson dazu aufgezählten 67 Universalien etwas Statisches. Das ist wohl der eigentliche Grund dafür, dass Wilson seine Ziele und Visionen zur menschlichen Zukunft nicht konkret ausführen und darlegen kann und es so nur bei einem blinden Glauben daran bleibt.

Insbesondere die Sprache nennt Wilson zwar „Gral der menschlichen Sozialevolution“, die „der menschlichen Spezies geradezu Zauberkraft“ verleiht, aber sie besitzt trotz dieser Worte in seiner Theorie nur eine statische Funktion als eine Universalie unter vielen anderen. Ganz anders ist das bei Konrad Lorenz, bei ihm besitzen Geist und Sprache des Menschen keine statische, sondern eine dynamische Funktion, ja sie sind geradezu ein neuer Motor der Evolution, der dadurch Gewalt und Krieg als Wirkmittel der alten genetischen Evolution mehr und mehr überflüssig macht. Die von Wilson genannte „große Lösung“, die nur rational durch die Kooperation aller Parteien gelingt und die „unbegrenzte Möglichkeiten der Erfüllung“ bietet, ist bei Lorenz konkret zu finden, und zwar als die Eigendynamik des Geistig-Kulturellen beim Menschen.

 

Die grundlegende Erkenntnis von Konrad Lorenz zu Geist und Kultur des Menschen

Der gravierende Unterschied zu Wilson liegt bei Lorenz darin, dass die Entwicklung der Kultur nicht ein gleichförmig-stetiger Prozess aus dem Tierreich heraus war, in dem sich der Mensch nur quantitativ von den Tieren abhebt. Während es hinsichtlich der Kultur bei Voland und Wilson keine scharfe Grenze zwischen Tier und Mensch gibt, ist diese bei Lorenz vorhanden. Diese scharfe Grenze und damit auch Geist und Kultur lassen sich einer grundlegenden Erkenntnis von Lorenz nach sogar organisch scharf definieren:

„Während all der gewaltigen Epochen der Erdgeschichte, während deren aus einem tief unter den Bakterien stehenden Vor-Lebewesen unsere vormenschlichen Ahnen entstanden, waren es die Kettenmoleküle der Genome, denen die Leistung anvertraut war, Wissen zu bewahren und es, mit diesem Pfunde wuchernd, zu vermehren. Und nun tritt gegen Ende des Tertiärs urplötzlich ein völlig anders geartetes organisches System auf den Plan, das sich unterfängt, dasselbe zu leisten, nur schneller und besser. [...] Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei“36.

Zwar hat die neuronale Weiterverarbeitung der Sinnesdaten schon bei den Tieren eine immer größere Bedeutung und Komplexität erlangt, so dass die sogenannten höheren Tiere entstanden, die dann sogar zu einem einfachen Werkzeuggebrauch fähig sind. Dieser von Voland und Wilson erwähnte einfache Werkzeuggebrauch ist nicht genetisch selektiert und angeboren, sondern auf neuronale Weise erlernt. Doch Geist und Kultur des Menschen bestehen im Sinne von Lorenz trotzdem nicht in einem bloßen quantitativen weiteren Wachsen der neuronalen Weiterarbeitung der Sinnesdaten. Für Lorenz ist mit dem Sein des Menschen ein neuer tiefer Einschnitt oder großer neuer Übergang in der Entwicklung des Lebens entstanden, so wie wie zwischen dem Anorganischen und dem Organischen als Beginn der Evolution des Lebendigen oder zwischen Pflanze und Tier. Mit dem Menschen hat für Lorenz deswegen ein weiterer dieser Übergänge stattgefunden, weil beim Menschen die neuronale Informationsverarbeitung plötzlich die Funktion eines sich selbst tragenden, die Welt und das Verhalten umfassend abstrahierenden und codierenden Systems erreicht hat: Das unserer Sprache, in der wir auch denken.

Das eigentliche natürliche Wunder ist also, dass die neuronale Informationsverarbeitung beim Menschen neben ihrer eigentlichen Aufgabe plötzlich etwas, zumindest auf diese organische Art, völlig Neues hervorgebracht hat: Ein codierendes System, „das sich unterfängt, dasselbe zu leisten“ wie das genetische System, „nur schneller und besser“. Das in seiner ganzen Konsequenz zu erkennen, heißt die Natur des Menschen zu erkennen.

Paradoxerweise liefert Darwin eine entscheidende Erkenntnis dazu, sich hier dem Wesen der Sprache und des menschlichen Denkens und Geistes weiter zu nähern. Denn trotzdem Darwin sich der Auffassung von Huxley anschloss, der nach „es durchaus nicht berechtigt [ist], den Menschen in eine besondere Ordnung zu stellen“, sah er das Gehirn des Menschen als „wunderbare Maschine, die allen Arten von Dingen und Eigenschaften Zeichen beilegt und Gedankenreihen wachruft, die niemals durch bloße Sinneseindrücke entstehen könnten, oder, wenn dies der Fall wäre, doch nicht weiter verfolgt werden könnten“, wobei in der konsequenten Systematik daraus „die höheren intellektuellen Fähigkeiten, wie das Schließen, Abstrahieren, das Selbstbewußtsein usw., entstanden“37.

Dabei speichert und tradiert das neue, neuronale System beim Menschen nicht nur starr das Codierte (etwa als bestimmte Verhaltensweise oder Handhabung eines materiellen Seins) und wendet es darin stets unverändert an, sondern es lässt wie das genetische System in den Mutationen auch abweichende Varianten zu, ja das Probieren dieser Abweichungen ist nichts anderes als unser »Denken« in seiner kreativen Form. Die systematischen neuronalen Abstraktionen des sinnlich Wahrgenommenen können beliebig in neuer oder abgewandelter Form zusammengefügt und dann, etwa als neue Verhaltensweise oder neues Werkzeug, angewendet werden. Das ermöglicht genau wie im genetischen Informationssystem mit seinen Mutationen erst die Weiterentwicklung des codierten Makroskopischen im abstrahierten Mikroskopischen (als neue Verhaltensweise oder als neues Werkzeug) und erzeugt damit (eine neue) Evolution. Die Lautbeilegung als gesprochene Sprache bzw. die spätere Zeichenbeilegung als Schrift sind dann nur noch die letzten Zutaten zur Perfektion des neuen, neuronal gegründeten Informations-, Kommunikations- und Denksystems.

Sowohl von der Bedeutung für das menschliche Sein als auch von der Funktionsweise her vergleicht Lorenz die Entstehung des geistig-kulturellen Systems beim Menschen mit der Entstehung des Evolutionsprozesses selbst. Im genetischen System werden die makroskopischen Strukturen der Körperteile und Funktionen durch die mikroskopischen der Gene abstrahiert. Trotz aller sonstiger Verschiedenheit ähnelt das neue, neuronale System in seiner grundlegenden Funktion der Abstraktion makroskopischer Strukturen (der Welt) durch mikroskopische (der neuronalen Begriffsbildung) dem genetischen System. Lorenz sagt daher über diese beiden Evolution erzeugenden Ereignisse, bzw. wie er es nennt, „Fulgurationen“ als blitzartiges Entstehen völlig neuer Eigenschaften: „Die Parallelen – fast möchte man sagen: die Analogien -, die zwischen diesen beiden größten Fulgurationen bestehen, die sich in der Geschichte unseres Planeten je ereignet haben, regen zu tiefstem Nachdenken an“38. Geist und Kultur sind bei Lorenz nicht nur eine eigene Ordnung oder eine Kategorie eigener Art, was besonders Darwin und Voland ausdrücklich bestreiten, sondern sogar eine Evolution eigener Art, eine (neuronale) Evolution in der (genetischen) Evolution.

In dieser erstaunlichen Parallelität der beiden Evolutionen kann so auch im neuronalen System von »Mutation und Selektion« gesprochen werden, wobei hier beides als Selektion einer neuen, ursprünglich zufälligen kreativen Idee schon in den begrifflichen Abstraktionen bzw. im Denken stattfindet. Der Mensch abstrahiert umfassend und systematisch alle Sinneswahrnehmungen und kann in dieser Abstraktion völlig neue Formen des Verhaltens sich fantasievoll, kreativ und darin zunächst mehr oder weniger zufällig ausdenken, durchspielen und schon hierbei »selektieren«, also vom Grundmuster her genau das, was die genetische Evolution über sehr viel längere Zeiträume mit den Individuen einer Art macht. Die neuronale »Selektion« im Denken ermöglicht aber auch solche Formen, zu der das genetische System gar nicht fähig ist, wie etwa der komplexe Werkzeuggebrauch oder die Vorstellung übernatürlicher Kräfte und Wesen.

Das heißt konkret, dass Tiere zwar einfache Beziehungen zwischen den Sinneswahrnehmungen neuronal speichern können, um sich so etwa Wege oder verstecktes Futter zu merken (was sie dann zum Teil besser können als Menschen). So können sie sich auch einfache Bewegungsabläufe merken, die ihnen einen Vorteil bringen, wie etwa mit Hilfe eines Stockes Ameisen aus einem Loch zu angeln oder mit einem Stein eine Nuss zu öffnen. Diese einfachen Werkzeuggebräuche beherrschen sie durchaus in einem kulturellen Sinn, wenn sie einmal zufällig den Vorteil darin erkannt haben, aber schon die kontrollierte Anwendung des Feuers oder auch die koordinierte und gezielte Benutzung eines Stockes als Speer oder eines Steines als Wurfgeschoss ist ihnen dagegen ohne die umfassende und systematische Abstraktionsfähigkeit der Sprache und des Denkens für immer verwehrt.

Wenn bei einem Werkzeuggebrauch verschiedene komplexe Bedingungen gleichzeitig zu berücksichtigen sind, wie etwa bei einem geschleuderten Speer das Wissen um die Eigenschaften des fliegenden Speeres, der flexiblen Umweltbedingungen dabei und des beweglichen Zieles, um die richtige, gezielte, orientierte und effektvolle Flugbahn zu erreichen, so ist das nur mit Hilfe eines umfassenden, abstrahierenden und codierenden Systems möglich, mit Hilfe dessen ein komplexer Bewegungsablauf geplant, korrigiert, gelernt und gespeichert werden kann. Es verhält sich im Grunde genauso wie schon beim genetischen System: Ganz einfache Lebensformen hat es auch ohne genetisches System gegeben, die Entwicklung von komplexeren Lebensformen ließ sich dagegen nur mit Hilfe einer Informationsverarbeitung verwirklichen, hier durch das codierende genetische Systems gegeben. Ohne ein abstrahierendes neuronales System werden daher die fortschrittlichsten Tiere auf neuronale Weise auch nach Millionen von Jahren weiterer Entwicklung nicht den Speerwurf oder das Feuer beherrschen. Auch auf genetische Weise wird das nicht möglich sein, weil dabei zu viele variable Bedingungen und Parameter zu berücksichtigen sind.

Der weitere große Vorteil des neuen, neuronalen Systems ist, dass ein einziger Vorgang der Mutation oder Variation der Gene mit der dazugehörigen Selektion im alten System nur während eines Generationswechsels stattfinden kann, was je nach Spezies bis zu 20 oder 30 Jahre dauert. Dagegen kann der Vorgang der Variation des neuronal Abstrahierten im menschlichen Denken jede Minute oder Sekunde stattfinden. Die Selektion und Verbreitung einer passenden neuen Variante des codierten Verhaltens benötigt ebenfalls nicht wie noch im genetischen System mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrtausende, sondern der Mensch kann die passende Lösung ebenfalls minuten- oder gar sekundenschnell finden und über die Sprache sofort verbreiten, und zwar direkt und gleichzeitig zu allen Mitgliedern seiner Gruppe, also um mehrere Größenordnungen „schneller und besser“ als das genetische System. Die notwendige Anpassung einer Verhaltensweise an neue Lebensbedingungen (was sowohl genetisch als auch neuronal erfolgen kann), zu der das alte genetische System der Informationsgewinnung und -verarbeitung Jahrhunderte unter großem physischen Kampf, Leid und Tod unzähliger dabei ausselektierter Lebewesen benötigt, ist mit dem neuen evolutionären Informationssystem im Idealfall innerhalb von Sekunden zu bewerkstelligen, ohne dabei auch nur die Selektion bzw. den Tod eines einzigen Lebewesens zu erfordern. Denn hierbei ist die Information der Verhaltensanpassung nur in der neuronalen Abstraktion vorhanden und nicht im Erbgut der Lebewesen, d.h. es werden nur neuronale Abstraktionen ausselektiert und keine Lebewesen. Diese neue Evolution ist dadurch buchstäblich das, was wir »human« nennen.

Bei dieser neuen Evolution werden nicht mehr neue Lebewesen und angeborene Verhaltensweisen hervorgebracht, sondern als Kultur künstliche Produkte und gelernte Verhaltensweisen. Dabei gilt auch nicht mehr das Recht des Stärkeren und die das physische Sein der Lebewesen betreffende gewalttätige, animalische Selektion, sondern im Idealfall nur die intelligente Selektion auf der Ebene der begrifflichen Abstraktionen als Denken. Die unmittelbare Übermittlung von Informationen ermöglicht zudem das »Zusammenschalten« der individuellen Systeme zu komplexen sozialen und politischen Gesellschaften. Das alles ist der natürliche Kern und die einzigartige Besonderheit des menschlichen Geistes.

 

Wenn eine neue nutzvolle Verhaltensweise ein neues Merkmal der Spezies Mensch werden soll, muss sie nicht nur im Denken eines Individuums gefunden und selektiert werden, sondern danach auch von den anderen Individuen der Gesellschaft. Es stehen somit in einer pluralistischen, die evolutionäre Vielfalt widerspiegelnden Gesellschaft stets verschiedene von Individuen, Gruppen oder Parteien verfolgte Ideen oder Programme zur Weiterentwicklung zur Verfügung. Idealerweise wird auch bei diesen zur Weiterentwicklung stets nötigen Auseinandersetzungen zwischen Individuen, Parteien und ganzen Gesellschaften die beste Lösung nicht über die alte, darin animalische Form der Evolution als gewalttätige oder kriegerische Auseinandersetzung und Vernichtung derjenigen Lebewesen mit den nicht so angepassten Information gefunden oder selektiert, sondern ebenfalls auf rein geistige Weise. Diejenige kulturell gefundene Gesellschaftsform, die die neue Evolution als rein geistige Weiterentwicklung unter radikalem Ausschluss der alten, animalischen Gewalttätigkeit als instinkthafte Form der Auseinandersetzung und des Zusammenlebens verwirklicht, ist nichts anderes als die Demokratie. Hier sind Gewalt und Krieg als Wirkmittel der alten genetischen Evolution überwunden, wobei das Wirkmittel der neuen Evolution die geistige Auseinandersetzung ist.

 

Wie stehen diese beiden unterschiedlichen, Evolution erzeugenden Systeme der Informationsverarbeitung zueinander? Hat es irgendwann im Tertiär »einen Schlag getan«, und das alte System der zur Evolution unabdingbaren codierten Informationsverarbeitung war bei einem bestimmten Tier völlig verschwunden und mit dem neuen System der Mensch vollendet entstanden, so wie in einem göttlichen Schöpfungsakt? Ist darin die genetische Evolution mit dem Menschen zum Stillstand gekommen und der Mensch lebt seitdem einfach nur so vor sich hin? Nein, vor allem das »Wissen« des alten Systems ist genetisch verankert, auch beim modernen Menschen vollständig erhalten und wirkt im Verhalten weiterhin über die Instinkte.

Wie Wilson es ausdrückt, ist das menschliche Verhalten durch die Instinkte „vorbereitet“ oder zumindest beeinflusst. Das Instinktverhalten wird durch das neue, neuronale System beim Menschen sozusagen schichtend überlagert, wodurch die menschliche Chimärennatur gegeben ist. Die Stärke dieser Überlagerung oder der Einfluss des neuen Systems im Verhalten des Menschen ist als natürlicher, evolutionärer Menschwerdungsprozess bis heute nicht abgeschlossen. Wie bei den epigenetischen Regeln von Wilson spielt sich das weitere Evolutionsgeschehen im Verhältnis zwischen den genetisch verankerten, nicht lernfähigen Instinkten des Menschen und seinem neuronal kulturell gelernten Verhalten ab. Die weitere dynamische Entwicklung des kulturellen Verhaltens macht dabei mehr und mehr Instinkte zu einem unangepassten Verhalten. Diese können dann nur kulturell berichtigt oder abgeleitet werden (wie etwa in sportlichen Wettbewerben), aber nicht mehr genetisch (da die Kultur zwischenzeitlich auch die genetische Selektion beim Menschen außer Kraft gesetzt hat).

Die Evolution ist beim Menschen daher zwar genetisch zum Stillstand gelangt, aber nicht neuronal. Da befindet sie sich aktuell, vor allem in Auseinandersetzung mit den nicht mehr passenden Verhaltensweisen des animalischen Erbes, vielmehr in einer geradezu explosiven und dramatischen Phase. Das drückt sich nicht nur in der exponentiell steigenden Weltbevölkerung in der begrenzten Biosphäre der Erde aus, sondern ebenfalls im exponentiellen Anstieg vieler anderer Entwicklungsparameter, wie Produktivität, Energieausbeute, Waffentechnologie, Mobilität, Informationsgewinnung und -verbreitung sowie der von Wilson angesprochenen Umweltzerstörung.

 

Drei praktische Beispiele verdeutlichen mit dem naturwissenschaftlichen, evolutionären Verständnis von Geist und Kultur diesen Prozess. Im fünften Buch Mose/Deuteronomium, Kapitel 20, Vers 13-17 (Einheitsübersetzung) findet sich als ein Beispiel des rein natürlichen Menschwerdungsprozesses die schon erwähnte Stelle, in der der Gott des Alten Testaments geradezu noch den Völkermord besonders an den direkten Nachbarvölkern gebietet (… „darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, [..] der Vernichtung weihen“). In der evolutionären Perspektive entspricht dieses vom alttestamentlichen Gott vorgegebene Verhalten noch der innerartlichen Aggression der alten, animalischen Evolution und war darin ein zu dieser Zeit angepasstes, »gutes« Verhalten der genetischen Gruppenselektion. Zu dem heutigen »bösen« Verhalten als größte Sünde überhaupt ist es erst mit einem neuen Religionsverständnis geworden, insbesondere dem des neutestamentlichen Gottes.

Theologisch, als Wille und Gebot desselben Gottes, ist dieser radikale und widersprüchliche Wechsel bei der an den Menschen gerichteten göttlichen Forderung eines Verhaltens nicht zu erklären. Im evolutionären Verständnis dagegen ist dieser Wechsel gar kein Widerspruch, sondern vielmehr die Bestätigung des evolutionären Verständnisses auch der Religion. Dabei löst sich nicht nur dieser Widerspruch auf, sondern auch alle anderen der vielfältigen Widersprüche und Spaltungen der Religionen zu einem einheitlichen Weltbild hin. Die Religion erweist sich so als eine Funktion oder ein »Trick« der Evolution zur Überwindung von Verhaltensweisen, die noch der alten, animalischen Evolution entsprechen und tief im Instinktsystem verankert sind. Es war darin der erste, wichtige Schritt des natürlichen Menschwerdungsprozesses. Da sich der Mensch mit seiner neuen Fähigkeit auch übernatürliche Wesen vorstellen kann, konnte über den religiösen Glauben der emotionale Widerstand der Instinktsteuerung (sowohl bei der Aggression innerhalb einer Gruppe, als auch später zu fremden Gruppen hin) überwunden werden und das menschliche Verhalten an die neuen Lebensbedingungen größerer Gemeinschaften als Reiche und letztlich der heutigen Staaten hin effektiv angepasst werden - allerdings im Fall der Religion nur indirekt und unbewusst. Die Verhaltensanpassung im Fall der Religion ist zwar noch emotional stark geprägt, aber die religiösen Vorstellungen und die dadurch ermöglichten neuen Verhaltensweisen etwa der völkerübergreifenden Nächstenliebe sind neuronal gelernt und nicht genetisch verankert.

Der Philosoph Immanuel Kant hat genau dieses rein natürliche Wesen der Religion mit ihrem praktischen Nutzen schon vor 200 Jahren ganz ohne Evolutionstheorie als Aufklärung erkannt, nämlich dass die moralischen Gesetze es sind, „deren i n n e r e praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt zu geben“, und dass wir „soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind“39.

Diese indirekte und unbewusste Anpassung des Verhaltens über den religiösen Glauben entspricht darin jedoch nicht dem eigentlichen Potential des menschlichen Geistes und ist mit vielerlei Mängeln behaftet. In unserer modernen und »aufgeklärten« Zeit ändern sich die Lebensbedingungen, bedingt durch die technischen Erfolge, immer rasanter und erfordern immer neue Verhaltensanpassungen, die die Religion auf ihre Weise schon lange nicht mehr zu leisten vermag. Und selbst schon religiös vollzogene Verhaltensanpassungen gehen wieder verloren, denn die beiden Weltkriege etwa hätten mit den Werten der neuen Religion nie geschehen dürfen.

Und was ist da (als zweites Beispiel) in den beiden Weltkriegen überhaupt geschehen? Das Verhalten, das wir heute als Gewalt, Nationalismus und Rassismus kennen, besitzt instinkthafte Wurzeln, die tief in die Evolution zurückreichen. Sie stehen darin für ein ehemals angepasstes und darin »gutes« Verhalten, nämlich das der innerartlichen Aggression oder Gruppenselektion der alten genetischen Evolution und nur deswegen können diese Verhaltensweisen weiterhin emotional so vertraut und begeisterungsfähig sein. Wegen der Mängel der religiösen Verhaltensanpassung musste der Mensch die Erkenntnis und Erfahrung der Unangepasstheit von Gewalt, Nationalismus und Rassismus zwischen Gruppen oder Staaten mit den ca. 60 Millionen Toten in den Weltkriegen noch einmal machen - und hat diese nicht mehr passenden Verhaltensweisen von Gewalt, Nationalismus und Rassismus immer noch nicht endgültig überwunden, weil er ihre eigentlichen Wurzeln und die eigentliche Natur seines Seins nicht kennt. Auch die durch diese beiden Katastrophen zumindest national (aber nicht international oder global) zum Durchbruch gelangte Gesellschaftsform der Demokratie bedeutet in der evolutionären Perspektive einen großen Fortschritt der natürlichen Menschwerdung. Das hat sich aber ebenfalls nur teilweise allein aufgrund katastrophaler Erfahrungen durchgesetzt, nicht aber vollständig aufgrund einer Einsicht in die Natur des Menschen.

Als drittes Beispiel gibt es noch eine weitere Verhaltensweise, die die neue Religion schon lange als nicht mehr passend erkannt hat, nämlich das exzessive Anhäufen materieller Werte. Welche Folgen hat diese Verhaltensweise in dem heutigen überbevölkerten, von Ressourcenknappheit einerseits und Massenvernichtungswaffen andererseits bedrohten Lebensraum, an deren nicht zu überwindende Grenzen der Mensch mit seiner geradezu explosiven, vornehmlich materiellen Entwicklung stößt? In der evolutionären Perspektive hat das Verhalten der exzessiven Anhäufung materieller Werte viel mit Macht und Rang zu tun und besitzt somit ebenfalls instinkthafte, genetisch verankerte Wurzeln, so dass uns dieses Verhalten darin emotional sehr vertraut ist und als absolut richtig und wahr erscheint – genauso wie für viele Menschen heute noch der Rassismus. Die zutreffende Theorie über die evolutionäre Natur des Menschen kann hier Orientierung geben, da aus dieser Perspektive nicht nur erkannt werden kann, dass der heutige Wettbewerb zwischen den »Gruppen« der Staaten aufgrund der Massenvernichtungswaffen nicht nur in gewalttätiger Weise nicht mehr angepasst ist, sondern aufgrund der Überbevölkerung und der Begrenztheit der irdischen Biosphäre und der Ressourcen auch in wirtschaftlicher Hinsicht nicht mehr. Nur in geistig-kultureller Hinsicht, dem eigentlichen Wesen in seiner gespaltenen Chimärennatur, kann der Mensch noch unbegrenzt wachsen. Das kann als das von Wilson genannte »Erwachsenwerden« angesehen werden, bei dem große Probleme durch große Lösungen überwunden werden, „die nur rational durch die Kooperation aller Parteien gelingen“. Das ist dann auch das „Fuß zu fassen und die unbegrenzten Möglichkeiten der Erfüllung zu erkunden, die der Heimatplanet bietet“.

Aufgrund der Umstände und Lebensbedingungen ist dieses »Erwachsenwerden« heute unausweichlich. Denn der Umstand des begrenzten Lebensraumes, an dessen nicht überwindbare Grenzen der Mensch in vielerlei Hinsicht stößt, bedingt vor allem im Zusammenhang mit der exzessiven materiellen Entwicklung die Gefahr globaler, irreparabler Umweltkatastrophen, Kriege mit den modernen Massenvernichtungswaffen um begrenzte Ressourcen usw. Die modernen Lebensbedingungen machen es daher notwendig, dass die weitere Entwicklung sich nicht mehr wie noch durch die beiden Weltkriege vollziehen kann, nämlich indem der Mensch ein nicht mehr passendes Verhalten erst durch die dadurch ausgelösten Katastrophen im Nachhinein als solches erkennt, ohne dass ihm dabei die eigentlichen Ursachen und Zusammenhänge bewusst werden. Unter den jetzigen Bedingungen ist es notwendig, dass der Mensch sein geistiges Potential dazu nutzt, auch ein sehr altes und vertrautes Verhalten schon im Vorfeld und in der Abstraktion und Antizipation als heute nicht mehr passend zu erkennen, um so auf rein geistige und darin humane Weise sein Verhalten und Weltbild anzupassen.

Darin liegt von jeher das Wesen und der große Vorteil des menschlichen Geistes. Dazu ist heute insbesondere die Aufklärung und Änderung seines Weltbildes mit der Anerkennung seiner natürlichen, animalischen Herkunft und seines animalischen Erbes mit dessen weiterhin großen Einfluss auf sein Verhalten notwendig. Das ist in der evolutionären Perspektive die aktuelle Herausforderung an den menschlichen Geist in seiner bisher rasant weitergehenden Evolution. Nur das geistig-kulturelle Verhalten und Wachstumsideal ist in der evolutionären Perspektive zukunftsfähig, nur darin liegt der rote Faden der weitergehenden menschlichen Evolution, nicht dagegen in einem durch die moderne Technik ermöglichten exzessiven materiellen Wachstum in einem begrenzten, überbevölkerten Lebensraum.

 

Darwins großer Irrtum

In einer Fußnote seines Buches „Die Abstammung des Menschen“ von 1871 stellte Darwin mit einem Zitat von J. Lubbock heraus, „daß Mr. Wallace 'mit charakteristischer Selbstlosigkeit dieselbe (nämlich die Idee der natürlichen Zuchtwahl) ohne Rückhalt Herrn Darwin zuschreibt, trotzdem es bekannt ist, daß er diese Idee ganz selbständig erfaßt und sie, wenn auch nicht ebenso ausgearbeitet, zu derselben Zeit veröffentlicht hat'“40. Die zu dieser Fußnote gehörende Textstelle in Darwins Buch enthält allerdings eine Kritik an Wallace, denn Darwin sagte dort (nach einer Beschreibung der großen Überlegenheit des Menschen durch seine intellektuellen Kräfte): „Ich kann daher nicht verstehen, wie Mr. Wallace behaupten kann67, daß 'natürliche Zuchtwahl den Wilden nur mit einem Gehirn hätte versehen können, das dem eines Affen wenig überlegen wäre.'“41. Zu dieser Auffassung von Wallace bemerkte Darwin in dieser Fußnote noch weiter, dass diese jeden überraschen müsse, der einen früheren Aufsatzes von Wallace aus dem Jahre 1864 gelesen habe.

Diese sich zunächst nebensächlich und harmlos anhörende Kritik findet eine nähere Erklärung in einem zwei Jahre vor dem Erscheinen des Buches verfassten Brief (vom 24.03.1869) von Wallace an Darwin, in dem Wallace einen Zeitschriftenartikel ankündigte, in dem er es zum ersten Mal wage, einige Begrenzungen der Macht der natürlichen Selektion zu setzen („I venture for the first time on some limitations to the power of natural selection.“). Wallace erkannte einen gravierenden Mangel in der Erklärung des menschlichen Geistes durch das herrschende Verständnis der natürlichen Selektion, wobei er leider den Weg einschlug, diesen Mangel durch die Heranziehung einer noch unbekannten, wissenschaftlich nicht fassbaren Ursache lösen zu wollen. In seiner Antwort vom 27.03.1869 sagte Darwin dazu (noch in Unkenntnis des Artikels), dass er hoffe, Wallace habe nicht ihr gemeinsames Kind (die natürliche Selektion) damit vollständig umgebracht („I hope you have not murdered too completely your own & my child.“). Nach Kenntnis des Artikels äußerte Darwin in einem Brief vom 14.04.1869 erstaunt, dass er nicht glauben würde, dass diese Gedanken von Wallace stammen, wenn dieser es ihm nicht selbst geschrieben hätte. Darwin distanzierte sich in dieser Frage der Entstehung des menschlichen Geistes in der Evolution eindeutig und „schmerzlich“ von Wallace: „If you had not told me I shd have thought that they had been added by some one else. As you expected I differ grievously from you, & I am very sorry for it. I can see no necessity for calling in an additional & proximate cause in regard to Man.“ Im nächsten Satz sagte Darwin, dass diese Angelegenheit für den brieflichen Austausch nicht geeignet ist. Er dankte Wallace für seine Meinung und erwähnte, dass er selbst nun viel über den Menschen denkt und schreibt. Zwei Jahre später fanden diese Gedanken ihr Ergebnis in Darwins Buch über die Abstammung des Menschen mit der oben zitierten Kritik an Wallace.

Wallace baute seine Erklärung des menschlichen Seins durch einen noch unbekannten Eingriff in der Folge weiter aus und wurde zum Spiritualist. Er vertrat im Gegensatz zu Darwin die Überzeugung, dass das (herrschende) Verständnis der natürlichen Selektion, wie von Darwin zitiert und kritisiert, „den Wilden nur mit einem Gehirn hätte versehen können, das dem eines Affen wenig überlegen wäre“ und nicht zum mathematischen, künstlerischen oder musikalischen Genius, sowie zu metaphysischen Gedanken, Geist und Humor habe führen können. Der Sprung dabei war für Wallace zu groß und die neuen geistigen Fähigkeiten besaßen für ihn eine andere Wesensart oder Herkunft. Für ihn wurde hinsichtlich der erstaunlichen neuen Fähigkeit des Menschen „'ein Instrument entwickelt, das den Bedürfnissen seines Besitzers vorauseilt'“42, „an instrument beyond the needs of its possessor“, wie es in dem Essay „The Limits of Natural Selection as Applied to Man“ aus dem Jahre 1870 von Wallace heißt.

Darwin sah dagegen trotz der großen intellektuellen Fähigkeiten die Rolle des Menschen im Evolutionsprozess nicht in diesem Zusammenhang und dieser Heraushebung. Er schloss sich in seinem neuen Buch ganz im Gegenteil ausdrücklich und vielleicht in einem beabsichtigten Gegensatz zu Wallace der Meinung von Huxley an, dem nach „es durchaus nicht berechtigt [ist], den Menschen in eine besondere Ordnung zu stellen“43.

Wallace behauptete in seinem Buch „Darwinism“, das 1889 erschien, dass etwas im unsichtbaren Universum des Geistes sogar mindestens drei Mal während der Evolution eingegriffen haben muss, und zwar im Fall der Schöpfung von Leben aus anorganischer Materie, der Einführung von Bewusstsein bei höheren Tieren und eben bei der Bildung höherer mentaler Fähigkeiten beim Menschen. Genau diese Aufzählung der Eingriffe bzw. Sprünge in der Evolution finden sich später bei bei dem Philosophen Nicolai Hartmann wieder - allerdings ohne den übernatürlichen Bezug von Wallace.

Konrad Lorenz überführte diese philosophische Ordnung und Struktur von Hartmann in die Evolutionsbiologie und kombinierte es mit seiner Erkenntnis des geistig-kulturellen Informationssystem des Menschen, das im Gegensatz zum genetischen Informationssystem neuronal funktioniert, aber ebenfalls Evolution erzeugt. Das, was Lorenz hier als rein natürliches Phänomen entdeckt hat, ist genau das, was einst die Aufmerksamkeit von Wallace weckte, was er dann nur leider im Spirituellen suchte. Hätte Wallace die natürlichen Gründe dafür gefunden, hätte es wohl schon damals eine Evolutionstheorie gegeben, die auch auf den Menschen anwendbar gewesen wäre und ihm nachfolgend viel Leid erspart hätte.

Mit dem evolutionären Schichtenmodell von Lorenz lösen sich auch die „dunklen Rätsel“ von Darwin auf, die dieser bei den kulturellen Fortschritten der Völker sah. Denn mit seinem Verständnis, dass auch Geist und Kultur der jeweiligen Völker ein Ergebnis der natürlichen Zuchtwahl war, also mit dem heutigen Ausdruck genetisch bedingt (was darin das rassistische Verständnis von Darwin erklärt), war Darwin der Meinung, „daß die alten Griechen [..] intellekt höher standen als irgend eine andere Rasse“44. Er war sich jedoch dem Einwand verschiedener Schriftsteller ausgesetzt, warum diese Rasse dann nicht „noch weiter fortgeschritten und immer zahlreicher geworden wären und schließlich ganz Europa eingenommen haben würden, wenn die Kraft der natürlichen Zuchtwahl tatsächlich und nicht illusorisch wäre“45. Stattdessen verfiel diese offenbar so hochstehende Rasse mit ihrem Intellekt und ihrer Kultur, und eine intellekt so niedrig stehende Rasse wie die der damaligen barbarischen Germanen stand auf einmal auf dem Gipfel der Zivilisation. Den Niedergang der Griechen konnte Darwin nur schlecht und notdürftig erklären. Er führte einen Mangel an Eintracht, die geringe Ausdehnung ihres Landes, die herrschende Sklaverei und die extreme Sinnlichkeit an. Ansonsten konnte er nur feststellen (mit einer interessanten nebensächlichen Bemerkung, deren Lösungspotential er leider nicht erkannte): „Die westlichen Völker Europas, die ihre früheren wilden Vorfahren so ungeheuer überragen und auf dem Gipfel der Zivilisation stehen, verdanken wenig oder nichts von ihrer Superiorität als unmittelbares Erbe den alten Griechen, wenn sie auch den Schriftwerken dieses hervorragenden Volkes viel verdanken“46.

„Ein noch dunkleres Rätsel ist das Erwachen der europäischen Völker aus dem Dunkel des Mittelalters“47, denn die zu dieser Zeit alles beherrschende Kirche verlangte von den damals eher noch „Wilden“, und zwar ausgerechnet von den „weicheren, der beschaulichen Betrachtung und der Bildung des Geistes ergebenen Naturen“48 den Zölibat, „das musste geradezu jede folgende Generation schädigen“49. Diejenigen der Wilden, die wenigstens etwas über Geist und Kultur verfügten, wurden so im Verständnis Darwins von der Vererbung noch ausselektiert, so dass noch weniger Geist und Kultur vererbt wurde als zuvor. Als wäre das nicht genug, „wählte die Inquisition mit äußerster Sorgfalt die freiesten und kühnsten Geister aus, um sie durch Feuertod oder durch Einkerkerung unschädlich zu machen“50. „Und trotzdem ist Europa in unvergleichlicher Weise emporgestiegen“51.

Wie konnte das sein, da ja die genannten Umstände gemäß dem Verständnis von Darwin über natürliche Selektion und Vererbung hinsichtlich Geist und Kultur eher einen weiteren Rückfall der Germanen in noch größerer Wild- und Rohheit zur Folge haben müssten und nicht einen unvergleichlichen Aufstieg von Geist und Kultur dieses barbarischen und daher offenbar rassisch minderwertigen Volkes?

Mit dem evolutionären Schichtenmodell von Lorenz, das darin die Bedenken von Wallace voll bestätigt, lassen sich nicht nur diese dunklen Rätsel des kulturellen Fortschritts bei Darwin vollständig auflösen. Die geistig-kulturelle Entwicklung erklärt sich dann nicht von der Zuchtwahl bzw. der genetischen Selektion her, wie das Darwin sah und wie das als „gen-zentrierter“ Ansatz im Grunde die heutige Soziobiologie immer noch versucht. Dann erhält vielmehr die zuvor zitierte Bemerkung von Darwin eine große Bedeutung, die er nur beiläufig erwähnte, nämlich dass die aufgestiegenen westlichen Völker Europas „den Schriftwerken dieses hervorragenden Volkes [der alten Griechen] viel verdanken“. Geist und Kultur werden nicht genetisch selektiert, gespeichert und vererbt, sondern neuronal.

Darwin hat trotz des Denkanstoßes von Wallace und der „dunklen Rätsel“ bei der Kulturentwicklung der Völker nicht erkannt, dass die von ihm gefundene Evolutionstheorie auf den Menschen mit seinem Geist und seiner Kultur nicht anzuwenden ist. Dieser große Irrtum führte zum Sozialdarwinismus und zu dem bis heute andauernden Streit um die Einordnung des Menschen in die Evolutionstheorie. Obwohl mit dem evolutionären Schichtenmodell und der Erkenntnis des Geistig-Kulturellen als eigenständiges Evolutionssystem von Lorenz die Lösung dieses Problems schon seit über 40 Jahren vorliegt, hat sich diese Theorie bis heute nicht durchgesetzt. Der Mensch stolpert und irrt so immer noch sozusagen ohne Kompass und Orientierung durch seine eigene weitere Evolution und nimmt nicht einmal wahr, dass diese Evolution mittlerweile dramatisch fortläuft und er darin die Hauptrolle spielt.

 

 

Literaturverzeichnis:

Jacques Monod, Zufall und Notwendigkeit, München 1991

Eckart Voland, Soziobiologie, Berlin-Heidelberg 2013

Edward O. Wilson, Die soziale Eroberung der Erde, München 2013

K. Lorenz, Die Rückseite des Spiegels, München 1987

C. Darwin, Die Abstammung des Menschen, Stuttgart 1871/2002

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, B846-847

Loren Eiseley, Die ungeheure Reise, München 1959

 

1 Jacques Monod, Zufall und Notwendigkeit, München 1991, S. 19

2 vgl. Eckart Voland, Soziobiologie, Berlin-Heidelberg 2013, S. 7

3 Voland 2013, S. 8

4 vgl. Voland 2013, S. 214

5 Voland 2013, S. 60

6 Voland 2013, 215

7 Voland 2013, S. 88

8 Voland, 2013 S. 89

9 Voland 2013, S. 89

10 Voland 2013, S. 90

11 Voland 2013, S. 90

12 Edward O. Wilson, Die soziale Eroberung der Erde, München 2013, S. 174

13 Wilson 2013, S. 68

14 Wilson 2013, S. 211

15 Wilson 2013, S. 213

16 Wilson 2013, S. 221-222

17 Wilson 2013, S. 346

18 Wilson 2013, S. 256

19 Wilson 2013, S. 256

20 Wilson 2013, S. 271

21 Wilson 2013, S. 273

22 vgl. Wilson 2013, S. 232-233

23 Wilson 2013, S. 235

24 Wilson 2013, S. 23

25 Wilson 2013, S. 78

26 Wilson 2013, S. 81

27 Wilson 2013, S. 85

28 Wilson 2013, S. 85-86

29 Wilson 2013, S. 97

30 Wilson 2013, S. 352

31 Wilson 2013, S. 352

32 Wilson 2013, S. 355

33 Wilson 2013, S. 355

34 Wilson 2013, S. 85

35 Wilson 2013, S. 355

36 K. Lorenz, Die Rückseite des Spiegels, München 1987, S. 217

37 C. Darwin, Die Abstammung des Menschen, Stuttgart 1871/2002, S. 268

38 Lorenz 1987, S. 216

39 Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, B846-847

40 C. Darwin 1871/2002, S. 299-300, Fußnote Nr. 67

41 C. Darwin 1871/2002, S. 56

42 Loren Eiseley, Die ungeheure Reise, München 1959, S. 101

43 C. Darwin 1871/2002, S. 194

44 Darwin 1871/2002, S. 181

45 Darwin 1871/2002, S. 181

46 Darwin 1871/2002, S. 182

47 Darwin 1871/2002, S. 182

48 Darwin 1871/2002, S. 182

49 Darwin 1871/2002, S. 182

50 Darwin 1871/2002, S. 182

51 Darwin 1871/2002, S. 182

e-max.it: your social media marketing partner

Anmeldung mit eMail-Adresse oder Benutzername