Der „Gral“ und die natürliche „Zauberkraft“ des menschlichen Seins.

Rezension zu Edward O. Wilson: „Die soziale Eroberung der Erde“, München 2013

Der größere Rahmen und Zusammenhang, in dem dieses Buch von Wilson zu betrachten ist, ist dadurch gegeben, dass im Mittelalter die Menschen in Europa ein einheitliches und in sich geschlossenes Weltbild besaßen, das die entscheidenden Fragen des Menschen nach seinem Woher, seinem wahren Sein und seinem Wohin umfassend beantwortete. Dieses Weltbild war ein religiöses und mythisches. Der Mythos bestand in der Idee eines übernatürlichen Schöpfergottes, der den Menschen und seine Kultur aber auch die den Menschen umgebende Natur und Welt geschaffen hat. Sinn, Verhalten und Aufgabe des Menschen waren allein durch diese mythische Idee vorgegeben. Die den Menschen umgebende Natur und Welt mit ihren Gesetzmäßigkeiten war dagegen nur nebensächliche Staffage ohne weitere Bedeutung.

Mit der Renaissance, Neuzeit, Aufklärung und modernen Naturwissenschaft änderte sich das, insbesondere durch die Evolutionstheorie wurde die Welt nicht mehr nur allein von einer einzigen, dogmatisch und emotional gestützten mythischen Idee her erklärt, sondern unter radikalem Ausschluss aller übernatürlicher Erklärungen nun mit einem wesentlich flexibleren Geist rational, empirisch und naturwissenschaftlich allein von der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten her. Der Erfolg dieses neuen Geistes war vor allem in technischer und medizinischer aber auch sozialer Hinsicht überwältigend. Nur in Bezug auf den Menschen selbst scheiterte diese Aufklärung im Desaster des Sozialdarwinismus, hier hält daher bis heute die mythische Erklärung des alten Geistes ihren letzten aber entscheidenden Brückenkopf. Sowohl der von Wilson in diesem Buch so sehr kritisierte Ansatz der Verwandtenselektion als auch der von ihm stattdessen vorgestellte Ansatz zur evolutionären Erklärung des menschlichen Seins sind Versuche dazu, den Mythos um das menschliche Sein umfassend und nachhaltig mit einer rein natürlichen Erklärung zu überwinden. Wilson sieht dabei nicht mehr das egoistische Gen, Verwandtenselektion und genetische Gesamtfitness als zentrale Erklärungsformel der Evolution auch des Menschen, sondern er sieht in der Sprache den „Gral“ und die natürliche „Zauberkraft“ der menschlichen Entwicklung und des menschlichen Seins.

Eine neue Idee, die den Sozialdarwinismus durch Altruismus zu überwinden sucht

Nach dem zweiten Weltkrieg etablierte sich eine neue Idee zur evolutionären Erklärung des sozialen Lebens und darin letztlich auch des menschlichen Seins über Altruismus und Verwandtenselektion. Wie es Wilson in diesem Buch ausdrückt, war diese Idee sowohl für Forscher als auch für die Öffentlichkeit deswegen so verlockend, weil sie einfach zu wirken schien und vor allem, weil sie gerade in Bezug auf den Menschen eine neue Verstehensweise von Evolution proklamierte. Der entscheidende Faktor der Evolution bestand demnach nicht mehr im Kampf ums Dasein, der sich dann beim Menschen als Sozialdarwinismus äußert, sondern der neu vorgestellte Kern der Evolution sollte nun der Altruismus sein, der über Verwandtenselektion und Gesamtfitness wirkt. Das wurde als die neue zentrale Erklärungsformel der Evolutionstheorie angesehen.

Wie Wilson es in diesem Buch beschreibt, imponierte ihm nach anfänglicher Skepsis die Originalität und das große Erklärungspotenzial der Verwandtenselektion. Er verteidigte diese Theorie, munterte Hamilton auf sie weiter zu verfolgen und räumte später selbst der Verwandtenselektion und Gesamtfitness einen bedeutenden Platz in seinen Veröffentlichungen ein. Wilson strukturierte diese Kenntnisse im Sozialverhalten zu einer auf der Populationsbiologie aufbauenden neuen naturwissenschaftlichen Disziplin, der er 1975 mit seinem Buch „Sociobiology: The new synthesis“ schließlich ihren speziellen Namen gab. Diese Webseite der MVE-Liste hier beruft sich bis heute auf dieses Paradigma, wie unter dem Info-Punkt nachzulesen.

Ab den 1990er Jahren wuchsen bei Wilson dann jedoch aufgrund empirischer Daten die Zweifel an der Theorie von Verwandtenselektion und Gesamtfitness. Wie er es beschreibt, wirkte die Theorie vom egoistischen Gen zunächst ganz und gar vernünftig. „In der Tat galt sie den meisten Evolutionsbiologen gleichsam als Dogma – zumindest bis 2010. Dann wiesen Martin Nowak, Corina Tarnita und ich nach, dass die Theorie der Gesamtfitness, häufig auch als Theorie der Verwandtenselektion bezeichnet, sowohl mathematisch als auch biologisch fehlerhaft ist.“ Diese Fehler hatten es allerdings in sich, denn so Wilson: „Die schöne Theorie hat ohnehin nie gut funktioniert, aber jetzt ist sie in sich zusammengestürzt.“

Zum einen betrifft diese Kritik die mathematische Gleichung, in der sich die Theorie von Verwandtenselektion und Gesamtfitness angeblich fassen lässt. Diese Ungleichung, von Vielen schon als «e = mc2 der Soziobiologie» gefeiert, lautet rb>c, wobei gilt: „Ein Allel, das Altruismus bewirkt, vermehrt sich in einer Population, wenn der Nutzen b (englisch benefit) für den Empfänger des Altruisten, multipliziert mit dem Verwandtschaftsgrad r (englisch relatedness), zum Altruisten größer ausfällt als die Kosten c (englisch costs) für den Altruisten“. Wilson führt diesen mathematischen Ausdruck ad absurdum, indem er ausführt, „dass r, ursprünglich der genetische Verwandtschaftsgrad, ebendas darstellte, was Hamiltons Ungleichung funktionieren lässt“. Weiter lautet in diesem Buch die Kritik von Wilson:

„Schlimmer noch: Der Glaube an die vermeintliche Schlüsselrolle der Verwandtschaft bei der sozialen Evolution hat uns dazu geführt, dass die normale Reihenfolge biologischer Forschung umgekehrt wurde. In der Evolutionstheorie wie in den meisten Naturwissenschaften ist es erwiesenermaßen die beste Methode, ein Problem zu definieren, das sich aus der empirischen Forschung ergibt, und dann die geeignete Theorie zu seiner Lösung auszuarbeiten. Bei der Gesamtfitness-Theorie ist fast die gesamte Forschung umgekehrt verlaufen: Erst wurde hypothetisch die zentrale Rolle der Verwandtschaft und der Verwandtenselektion festgelegt, dann wurde nach Beweisen gesucht, die diese Hypothese belegen sollten.“

Und an einer weiteren Stelle:

„Das alte Paradigma der sozialen Evolution, das nach vier Jahrzehnten fast schon Heiligenstatus genießt, ist damit gescheitert. Seine Argumentation von der Verwandtenselektion als Prozess über Hamiltons Ungleichung als Bedingung für Kooperation bis zur Gesamtfitness als darwinschem Status der Koloniemitglieder funktioniert nicht. Wenn es bei Tieren überhaupt zur Verwandtenselektion kommt, dann nur bei einer schwachen Form der Selektion, die ausschließlich unter leicht verletzbaren Sonderbedingungen auftritt. Als Gegenstand einer allgemeinen Theorie ist die Gesamtfitness ein trügerisches mathematisches Konstrukt; unter keinen Umständen lässt es sich so fassen, dass es wirkliche biologische Bedeutung erhält. Auch für den Nachvollzug der Evolutionsdynamik genetisch bedingter sozialer Systeme ist es unbrauchbar.“

Demnach hat auch dieser Versuch über Altruismus, Verwandtenselektion und Gesamtfitness den Menschen und sein soziales Wesen von der Evolutionstheorie her zu erklären in einem Desaster geendet.

 

Wilsons neuer Ansatz zur Erklärung des menschlichen Seins in der Evolution

Wilson versucht gegenüber Verwandtenselektion und Gesamtfitness eine neue, alternative Erklärung des evolutionären Mensch-Seins, bei der er sich wieder der traditionellen Verhaltensforschung mit ihrem Ansatz der Gruppenselektion annähert. Die grobe Struktur des Buches richtet er nach Paul Gauguins tahitischen Meisterwerk «Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?» aus, das dieser in dem Bewusstsein geschaffen hat, dass es sein letztes sein würde. Das könnte der zwischenzeitlich 85jährige Wilson vielleicht auch auf sich selbst beziehen, wenn er sich in diesem Buch daran macht, diese von Gauguin genannten zentralen Fragen von Religion und Philosophie mit Hilfe der Evolutionstheorie zu beantworten.

Dabei sieht er zunächst, dass die Menschheit heute mit einer gottgleichen Technologie eine Star-Wars-Zivilisation erschaffen hat, gleichzeitig aber noch mit der Religion mittelalterliche Institutionen besitzt, die steinzeitlichen Emotionen unterliegt. Die Religionen mit ihren Schöpfungsmythen sind für Wilson jedoch ein darwinscher Überlebensfaktor. „Stammeskonflikte, bei denen die gläubigen Insider es gegen die Ungläubigen von außen aufnahmen, waren eine wesentliche Antriebskraft in der Ausformung der biologischen Natur des Menschen. Die Wahrheit jedes Mythos wohnte im Herzen der Menschen, nicht in der rationalen Vernunft. Aus sich selbst heraus konnte der Mythos Ursprung und Sinn der Menschheit niemals offenlegen. Umgekehrt aber funktioniert es: Die Offenlegung von Ursprung und Sinn der Menschheit kann womöglich Ursprung und Sinn der Mythen erklären und damit den Kern der organisierten Religion.“ Wie erklärt Wilson „Ursprung und Sinn der Menschheit“ von der Evolution her?

Verwandtenselektion und Gesamtfitness hat er wie schon erwähnt gänzlich verworfen und zieht entsprechend seiner vernichtenden Kritik an der Verwandtenselektion genau den Aspekt zur Erklärung des Menschen heran, den diese gerade geleugnet hat, nämlich die Gruppenselektion: „Die soziale Gruppe –und nicht das egoistische Gen –war der entscheidende Faktor der Menschwerdung.“ Genauer gesagt ist es das Gegeneinander von Individual- und Gruppenselektion, in dieser Wechselwirkung, auch Multilevel-Selektion genannt, das bei den Mitgliedern einer Gesellschaft zu einer Mischung aus Altruismus und Egoismus, von Tugend und Sünde führt. Es heißt bei Wilson: „Zur Individualselektion kommt es im Überlebens- und Fortpflanzungswettkampf zwischen den Mitgliedern derselben Gruppe. Sie formt bei jedem Mitglied Instinkte heraus, die gegenüber den anderen Mitgliedern grundlegend egoistisch sind. Die Gruppenselektion dagegen ergibt sich aus dem Wettkampf zwischen Gesellschaften, sowohl durch direkten Konflikt als auch durch verschieden hohe Kompetenz bei der Nutzung der Umwelt. Die Gruppenselektion formt Instinkte heraus, die Individuen tendenziell zu Altruisten machen (allerdings nicht gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen). Die Individualselektion verantwortet daher einen Großteil dessen, was wir als Sünde bezeichnen, die Gruppenselektion dagegen den größeren Teil der Tugend. Beide begründen den Konflikt zwischen den guten und bösen Anteilen unserer Natur.“

Es liegen für Wilson heute überzeugende Belege dafür vor, dass sich das menschliche Sozialverhalten durch Multilevel-Evolution, also sowohl durch Individual- als auch Gruppenselektion genetisch entwickelt hat, wobei letztlich jedoch „die Gruppenselektion ganz klar der Prozess ist, der für das fortgeschrittene Sozialverhalten verantwortlich ist“.

 

Die begriffliche Sprache als „Gral“ und „Zauberkraft“ der menschlichen Sozialevolution

Mit entscheidend für die Entwicklung des Menschen waren für Wilson die fleischliche Ernährung und das ein „Nest“ (als allgemeine Voraussetzung für Eusozialität) schaffende Lagerfeuer, aber vor allem das, was er Intentionalität nennt. Für Wilson liegt so der entscheidende Unterschied zwischen der Kognition des Menschen und der anderer Tierarten (auch unserer nächsten genetischen Verwandten, der Schimpansen) in der Fähigkeit zu kollaborieren, um so gemeinsame Ziele und Intentionen zu verwirklichen. Die Besonderheit des Menschen ist seine Intentionalität, ausgehend von einem extrem umfangreichen Arbeitsgedächtnis: „Die Abfolge der kognitiven Evolution als Entstehen von Geist ging somit von intensiver sozialer Interaktion an den frühen Lagerstätten über das Zusammenwirken mit der wachsenden Fähigkeit, Intentionen zu lesen und dementsprechend zu handeln, bis zu der Fähigkeit, im Umgang mit anderen und der Außenwelt zu abstrahieren, und schließlich zur Sprache.“

Diese Intentionen haben zweifellos auch etwas damit zu tun, was Wilson als „großartige Gabe des bewussten menschlichen Gehirns“ bezeichnet, nämlich die Fähigkeit zum Entwerfen von Szenarien, bei der das Bewusstsein das Langzeitgedächtnisses nutzt. Wie das genau vor sich geht, bleibt Wilson nach umstritten. Er nennt zwei Schulen, bei der für die eine Fragmente des Langzeitgedächtnisses aus dem Langzeitspeicher umgeformt werden und im Arbeitsgedächtnis zu Szenarien gerinnen und für die zweite Schule, die mit denselben Messwerten arbeitet, beruht der Prozess lediglich auf dem Wiederabrufen von Langzeiterinnerungen – ohne Transfer von einem Gehirnsektor in einen anderen.

Die Sprache ist für Wilson „der Gral der menschlichen Sozialevolution. Als sie erst installiert war, verlieh sie der menschlichen Spezies geradezu Zauberkraft“. Jedoch beruft er sich auf Michael Tomasello mit der ausdrücklichen Feststellung, dass „Sprache nicht grundlegend [ist]; sie ist abgeleitet. [...] Und so ist es zwar richtig, dass die Sprache ein Hauptunterschied zwischen Menschen und anderen Primaten ist; aber wir sind der Meinung, dass sie eigentlich ein abgeleitetes Ergebnis von der einzigartigen menschlichen Fähigkeit ist, Intentionen zu lesen und mit anderen zu teilen“.

Kritisch ist hier anzumerken, was denn dabei diese Intentionen bzw. die Szenarien eigentlich sind, von denen die Sprache abgeleitet sein soll. Wie stehen Intentionen und entworfene Szenarien zur Sprache? Sind es geistige Wesenheiten, die naturwissenschaftlich nicht fassbar sind und somit als geistige Grundlage des Mensch-Seins vielleicht übernatürlichen, göttlichen Ursprungs sind?

Hier hilft eine Erkenntnis von Darwin weiter, denn Darwin sah das Gehirn des Menschen als „wunderbare Maschine, die allen Arten von Dingen und Eigenschaften Zeichen beilegt und Gedankenreihen wachruft, die niemals durch bloße Sinneseindrücke entstehen könnten, oder, wenn dies der Fall wäre, doch nicht weiter verfolgt werden könnten“, wobei in der konsequenten Systematik daraus „die höheren intellektuellen Fähigkeiten, wie das Schließen, Abstrahieren, das Selbstbewußtsein usw., entstanden“ (C. Darwin, „Die Abstammung des Menschen“, Stuttgart 1871/2002, S. 268).

Demnach besteht das Langzeitgedächtnis vor allem darin, dass der Mensch allen sinnlich wahrgenommenen Dingen und Eigenschaften „Zeichen beilegt“, indem sie neuronal abstrahiert und darin gespeichert werden. Doch dieser Abstraktionsprozess besteht nach Darwin nicht nur aus dieser einfachen Speicherung, sondern er beinhaltet vor allem auch eine bestimmte, sehr lebendige Struktur und Logik: Neben der Zeichenbelegung und der Abbildung der sinnlich wahrgenommenen Dinge und Vorgänge in der Welt spielt die im Grunde beliebig abänderbare und fantasievolle Verwendung dieser neuronalen Zeichen die große und entscheidende Rolle, etwa um damit Abläufe einer zukünftigen Jagd zu planen oder um neue Werkzeuge zu erfinden usw. In dieser flexiblen Verwendung der neuronalen „Zeichen“ im Denken, wobei sich andererseits aber auch die kausalen und naturgesetzlichen Vorgänge der Welt in der Logik, Grammatik und Struktur der Sprache widerspiegeln, liegen unsere „höheren intellektuellen Fähigkeiten“. Das ist darin nichts anderes als unser Denken und Bewusstsein und somit auch unsere Fähigkeit zu Intentionen und zum fantasievollen Entwerfen von Szenarien, die auf die Welt passen. Die begriffliche Sprache ist demnach nicht von Intentionen abgeleitet, deren Wesen im Dunklen bleibt, sondern die Intentionen sind in der Sprache gedachte Ideen oder entworfene Szenarien. So, wie wir bestimmte elektromagnetische Wellen als Farbe empfinden, so empfinden wir den systematischen Umgang mit den „Zeichen“ der neuronalen Abstraktionen als begriffliche Sprache, Geist und Bewusstsein.

Allerdings gibt es Vorformen unserer begrifflichen Sprache als sprachliche Bereiche etwa in Gestik, Mimik oder einem abgestimmten Verhalten, das darin eine Bedeutung besitzt, so dass die begriffliche Sprache mitsamt ihrer Intentionen und Szenarien davon als abgeleitet oder als darauf aufbauend gelten kann. Neuronale Abstraktionen sind schon bei Tieren vorhanden, ja die grundlegendste neuronale Abstraktion ist das, was das Tier erst zum Tier macht. Die Eigenbewegung des Tieres ist nur sinnvoll, wenn sie koordiniert und kontrolliert erfolgt. Dazu bedarf es der sinnlichen Wahrnehmung von Sein, und zwar als systematisch und gesetzmäßig in Raum und Zeit getrenntes Sein. Insbesondere die einzigartige Identität eines Seins ist erst durch die Komponenten von Raum und Zeit gegeben, so dass ein Sein trotz aller gravierender Veränderungen als ein einzigartiges Sein in Zeit und Raum existiert (so wie eine Axt, deren Blatt und Stiel schon mehrfach nacheinander gewechselt wurden, oder wie ein Mensch in seiner Entwicklung von einer Eizelle bis zum Greis).

Die Wahrnehmung in dieser Struktur war das erste Bewusstsein, hier wurde so zum ersten Mal eine Welt in Sein, Zeit und Raum abstrahiert, strukturiert und erkannt. Diese so erkannte Welt halten wir für die Realität, »wir« können gar nicht anders. Die Relativität dieser Struktur offenbart sich erst im Tod, dort zeigt sich, dass die eigentliche Realität doch eher etwas Wellenförmiges, Einheitliches oder so sein muss. Zumindest lässt sich selbst mit den Methoden der modernen Naturwissenschaft empirisch in dieser unserer so strukturierten Welt keinerlei Substanz finden.

In der mit dem Tier entstandenen grundlegenden weltlichen Struktur konnten manche Tiere die Intention besitzen, andere Tiere zu »jagen«, diese wiederum erkannten diese Intention schon frühzeitig allein am Verhalten und besaßen ihrerseits die Intention zu »flüchten«. Dieses aufeinander abgestimmte Verhalten war in dieser grundlegenden Erkenntnis gleichzeitig der erste sprachliche Bereich, der uns noch heute auf dieser Ebene die Kommunikation mit Tieren aber auch mit anderen (fremdsprachlichen) Menschen ermöglicht und auf dem später dann die begriffliche Sprache des Menschen aufbauen konnte.

Ausgehend von dieser grundlegenden neuronalen Abstraktion nahm in vielen Lebewesen die neuronale Weiterverarbeitung der Sinnesdaten immer mehr zu, wodurch sich die höheren Tiere entwickelten. Das Besondere und Einzigartige beim Menschen war dann, dass durch die umfassende begriffliche neuronale Abstraktion der Sinnesdaten darin zusätzlich eine neue Systematik und Grammatik entstand, in der sich die Struktur des Abstrahierten widerspiegelte und die dadurch ähnlich wie die genetische Codierung dazu fähig war, Evolution zu erzeugen und zu tragen: unsere begriffliche Sprache und unseres begriffliches Denken. Was das letztlich für Konsequenzen hatte und wie das einzuordnen ist, das hat Konrad Lorenz am treffendsten mit folgender Erkenntnis ausgedrückt:

„Während all der gewaltigen Epochen der Erdgeschichte, während deren aus einem tief unter den Bakterien stehenden Vor-Lebewesen unsere vormenschlichen Ahnen entstanden, waren es die Kettenmoleküle der Genome, denen die Leistung anvertraut war, Wissen zu bewahren und es, mit diesem Pfunde wuchernd, zu vermehren. Und nun tritt gegen Ende des Tertiärs urplötzlich ein völlig anders geartetes organisches System auf den Plan, das sich unterfängt, dasselbe zu leisten, nur schneller und besser. [...] Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei“ (K. Lorenz „Die Rückseite des Spiegels, München 1987, S. 217).

Nichts anderes als der Evolutionsprozess selbst ist darin auf eine andere Art noch einmal neu erfunden worden. Die begriffliche Sprache ist analog zur Genetik ein Evolution erzeugendes und tragendes System. Darin werden zwar keine Lebewesen entwickelt, aber künstliche Produkte und neue Verhaltensweisen als das, was wir Kultur nennen und worin unsere Identität als Gesellschaft und Person liegt.

Das bedeutet auch, dass die Evolutionstheorie von Darwin in Bezug auf den Menschen unvollständig ist. Das erklärt die „dunklen Rätsel“, die Darwin beim kulturellen Fortschritt der Völker gesehen hat (vgl. Darwin 1871/2002, S. 181ff). Der Mitentdecker der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace, war zwar schon auf dem richtigen Weg, indem er erkannt hat, dass die Evolution allein mit der natürlichen Zuchtwahl den Wilden nur mit einem Gehirn hätte versehen können, das dem eines Affen wenig überlegen wäre und nicht zum mathematischen, künstlerischen oder musikalischen Genius, sowie zu metaphysischen Gedanken, Geist und Humor habe führen können. Für ihn wurde hinsichtlich der erstaunlichen neuen Fähigkeit des Menschen ein Instrument entwickelt, das den Bedürfnissen seines Besitzers vorauseilt und er hat ebenfalls durchaus richtig die geschichtete Struktur des Lebendigen erkannt, inklusive der eigenen Schicht des Menschen darin. Leider hat er all das letztlich jedoch spiritistisch als Eingriff übernatürlicher Mächte gesehen und konnte es nicht natürlich begründen.

Die Überlegenheit und der große Vorteil dieses neuen, geistigen evolutionären Systems verdeutlicht folgende Betrachtung. Ein einziger Vorgang der Mutation oder Variation der Gene mit der dazugehörigen Selektion kann im alten, genetischen Evolutionssystem nur während eines Generationswechsels stattfinden, was je nach Spezies bis zu 20 oder 30 Jahre dauert. Dagegen kann der Vorgang der Variation des neuronal Abstrahierten im menschlichen Denken jede Minute oder Sekunde stattfinden. Die weitläufige Verbreitung einer neuen Variante des codierten Verhaltens benötigt ebenfalls nicht wie noch im genetischen System mehrere Jahrhunderte, sondern der Mensch kann eine neue Variante über die Sprache sofort verbreiten, und zwar direkt und gleichzeitig zu allen Mitgliedern seiner Gruppe, also um mehrere Größenordnungen „schneller und besser“ als das genetische System. Die notwendige Anpassung einer Verhaltensweise an neue Lebensbedingungen, zu der das alte genetische System der Informationsgewinnung und -verarbeitung Jahrhunderte unter großem physischen Kampf, Leid und Tod unzähliger dabei ausselektierter Lebewesen benötigt, ist mit dem neuen evolutionären Informationssystem im Idealfall innerhalb von Sekunden zu bewerkstelligen, ohne dabei auch nur die Selektion bzw. den Tod eines einzigen Lebewesens zu erfordern. Es ist dadurch buchstäblich das, was wir »human« nennen.

Die unmittelbare Übermittlung von Informationen ermöglicht zudem das »Zusammenschalten« des individuellen Denkens zu komplexen sozialen und politischen Gesellschaften. Auch diese neue soziale Dimension ergibt sich aus dem „Gral“ und der „Zauberkraft“ der neuen, darin völlig natürlichen Eigenschaft des menschlichen Geistes und der menschlichen Sprache. Doch warum leben wir dann heute nicht in einer durch und durch humanen Welt?

 

Die Natur des Menschen bei Wilson

Nach Wilsons Aussage macht umfassendes Material aus den verschiedensten Zweigen der Natur- und Geisteswissenschaften es heute möglich, die Natur des Menschen klar zu definieren. Zuerst macht Wilson deutlich, was die Natur des Menschen nicht ist: „Die Natur des Menschen sind nicht die Gene, die sie bedingen. Diese legen die Regeln fest, nach denen sich Gehirn, Sinnesorgane und Verhalten entwickeln, die dann die Natur des Menschen hervorbringen.“ Wilson sucht und definiert die Natur des Menschen zwischen den Genen und den von der Anthropologie identifizierten Universalien der Kultur. Konkret sagt er: „Die Natur des Menschen besteht in den ererbten Regelmäßigkeiten der mentalen Entwicklung, die für unsere Art typisch ist. Gemeint sind damit die «epigenetischen Regeln», die über einen langen Zeitraum der frühen Vorgeschichte durch die Wechselwirkung der genetischen und der kulturellen Evolution entstanden sind.“

Die epigenetischen Regeln sind das Zusammenspiel zwischen der animalischen Gen-Ebene und der humanen Kultur-Ebene, von Wilson auch als „Gen-Kultur-Koevolution“ bezeichnet, wobei das Eigentliche darin nach Wilson eben die dazwischenliegenden epigenetischen Regeln oder die genetischen Komponenten der Koevolution sind. Als Beispiele für die epigenetischen Regeln nennt Wilson die Aspekte, nach denen wir sexuelle Attraktivität bestimmen, das, was zum Erwerb von Ängsten und Phobien führt, etwa vor Schlangen und Höhenangst, in welcher Feinheit wir Farben nach Farbton und -intensität sprachlich unterscheiden (so kennt etwa ein Volk auf Neuguinea gar keine Worte für Farbe, sondern nur die Begriffe „hell“ und „dunkel“) sowie Inzestvermeidung und Laktosetoleranz.

Wie es das Farbbeispiel bei Wilson zeigt, sind die Möglichkeiten der kulturellen Farbenbezeichnungen bzw. des Farbvokabulars nur in einem groben Rahmen vorgegeben, dem der optischen Sinneswahrnehmung, ansonsten aber recht willkürlich. Manche Kulturen unterscheiden innerhalb der Grundfarben sprachlich sehr fein nach Farbton und -intensität, andere weniger oder gar nicht, bis hin zur alleinigen Unterscheidung von hell und dunkel. Die epigenetische Regel, nach der wir die genetisch vorgegebene sinnliche Farbwahrnehmung sprachlich benennen, ist also sehr flexibel.

Wenn Wilson allerdings schreibt; „Wir sind zum Beispiel vorbereitet, Angst vor Schlangen sehr schnell zu erlernen (und sogar zu echten Phobien auszuweiten); instinktiv nicht vorbereitet sind wir dagegen, auch auf andere Reptilien wie Schildkröten und Eidechsen mit ähnlichem Ekel zu reagieren“, so kann das insofern missverständlich sein, da die Verhaltens-„Vorbereitung“ hinsichtlich Spinnen, Schlangen und großen Höhen genetisch erworben, verankert und als Instinkt in einem ganz bestimmten Verhalten mündet, eben dem der unwillkürlichen Angst oder dem Ekel davor. Dieses Verhalten ist dann gerade nicht gelernt. Allerdings ist dieses Verhalten, wie es Wilson beschreibt, nicht starr wie ein Reflex, d.h. es kann ein Lernen zu dem Instinktverhalten hinzutreten und es in dieser Richtung bis zur Phobie stützen und verstärken, der Instinkt kann andererseits jedoch durch ein gelerntes Verhalten auch weitgehend überwunden werden. Ähnlich verhält es sich im Fall der Sexualität, der Gewalt, dem Streben nach Macht und Rang, dem Essverhalten (Bevorzugung von Zucker und Fett) usw.

Wilson behandelt ausführlich ein weiteres Verhalten, das den epigenetischen Regeln zuzurechnen ist und das gerade heute eine große Problematik im Zusammenleben der modernen Gesellschaften beinhaltet, nämlich die Gruppenbildung und ihre Besonderheiten. Wilson schreibt, dass die Neigung, Gruppen zu bilden, für den Menschen tiefste Zufriedenheit und Stolz in dieser familiären Verbundenheit ergibt. Zu dieser Neigung gehört es jedoch auch, dass jede Gruppe sich gegen rivalisierende Gruppen abgrenzt und engagiert verteidigt. Dieses Verhalten der Gruppenbildung und des Umgangs mit anderen Gruppen gehört nach Wilson zu den Universalien der menschlichen Natur und damit letztlich auch ihrer Kultur.

Moderne Gruppen wie etwa ganze Nationen, Sportvereine, Fanclubs, Religionen, wissenschaftliche Disziplinen (besonders in der Konkurrenz von Natur- und Geisteswissenschaft) usw. entsprechen dabei psychologisch immer noch den Stämmen der ur- und vorgeschichtlichen Zeit, d.h. auch die modernen Gruppen handeln in der Regel nach den uralten Instinkten, die die Gruppen strukturieren und ihr gegenseitiges Verhalten in bestimmter Weise vorgeben. Wie Wilson es ausdrückt, trägt die Neigung, Gruppen zu bilden und dabei Mitglieder der eigenen Gruppe zu bevorzugen, alle Kennzeichen eines Instinkts. Er führt dazu jahrelange Versuche in der Sozialpsychologie an, die gezeigt haben, wie schnell und entschieden sich Menschen in Gruppen aufteilen und dann zugunsten der einen Gruppe, der sie angehören, diskriminieren. Selbst wenn die Versuchsgruppen willkürlich eingeteilt und dann so gekennzeichnet wurden, dass die Mitglieder einander identifizieren konnten, und selbst wenn die vorgegebenen Interaktionen trivial waren, kam es bald zu Bevorzugungen der Eigengruppe.

Wilson nach neigt der Mensch zum Ethnozentrismus, und man kann wohl auch sagen, zum Rassismus. Er bevorzugt die Gemeinschaft von Menschen derselben Hautfarbe, Staatsangehörigkeit, Familie oder Religion. Hingegen geraten Menschen gemäß Wilson allgemein schneller in Wut, wenn klar ist, dass ein Fremdgruppenmitglied sich unfair verhält oder unverdient belohnt wird und sie reagieren feindselig, wenn eine Fremdgruppe auf das Revier oder die Ressourcen der Eigengruppe übergreift.

In diesem Konkurrenzverhalten von Gruppen bzw. der Gruppenselektion ist nach Wilson einerseits unser menschlicher Geist entstanden, da eine Gruppe, deren Mitglieder Absichten verstehen und miteinander kooperieren konnten und außerdem in der Lage waren, die Handlungen der konkurrierenden Gruppen abzusehen, einen außerordentlichen Vorsprung vor Gruppen gehabt hätten, die darin weniger begabt waren. Die Konstellation Gruppe gegen Gruppe war demnach eine grundlegende Antriebskraft, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Aber andererseits offenbart sich in dieser Konstellation Gruppe gegen Gruppe auch „unsere blutrünstige Natur“. Wilson gemäß ist Krieg, häufig begleitet von Genozid, nicht ein kulturelles Artefakt einzelner Gesellschaften. Krieg und Genozid sind nach Wilsons Aussage universell und ewig, sie gehören nicht zu bestimmten Zeiten oder Kulturen. Wie er weiter ausführt, sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewaltsame zwischenstaatliche Auseinandersetzungen nur wegen der nukleare Pattsituation der Hauptmächte deutlich weniger geworden. „Bürgerkriege, Aufstände und staatlich geförderter Terrorismus gehen aber unvermindert weiter.“

Krieg und Gewalt zwischen menschlichen Gruppen haben unmittelbar etwas mit den Ressourcen zu tun, die für eine Gruppe lebensnotwendig sind. Wie es Wilson beschreibt, konnten durch die neolithischen Revolution vor zehntausend Jahren mit Landwirtschaft und Viehzucht zwar weitaus größere Nahrungsmengen zur Verfügung gestellt werden, so dass menschliche Populationen rasch anwachsen konnten. Dieser Fortschritt aber veränderte genau wie später die industrielle Revolution nicht die Natur des Menschen. Die Gruppen wurden dadurch einfach größer, so schnell die reichhaltigen neuen Ressourcen es erlaubten. Unvermeidlich wurden mit der exponentiell anwachsenden Bevölkerung irgendwann die neuen Ressourcen aufgebraucht, was dann buchstäblich naturgemäß die Erschließung neuer Ressourcen verlangte, sei es durch neue Erfindungen oder auf die altbewährte Art der Territoriumsausweitung. Wilson schreibt dann: „Der Kampf um die Kontrolle lebensnotwendiger Ressourcen geht weltweit weiter, und er wird immer erbitterter.“

Was er hier nicht erwähnt, ist die Tatsache, dass die Menschheit allgemein heute in einem überbevölkerten Lebensraum lebt, an deren Grenzen sie in mehrfacher Hinsicht stößt, wobei die Ressourcen dieses Lebensraumes nicht nur ebenfalls begrenzt sind, sondern durch intensive Verwertung langsam aber sicher zur Neige gehen. Wie sieht die Zukunft des Menschen in einer Perspektive aus, die hier bei bestimmten Bedingungen die Natur des Menschen mit berücksichtigt?

Man kann diese Frage oder Perspektive auch auf die Vergangenheit anwenden. Wenn die beiden großen Katastrophen des letzten Jahrhunderts aus dieser Perspektive der von Wilson dargestellten Natur des Menschen betrachtet werden, so erweisen sie sich geradezu als Paradebeispiel dafür. Vor dem ersten Weltkrieg standen sich die einzelnen Gruppen der europäischen Nationen waffenstarrend gegenüber, so dass es nur eines geringfügigen Funkens bedurfte, um hier die durch kulturelle Einflüsse relativ lange zurückgehaltene Natur des Menschen in dieser Konstellation wieder zu entfesseln. Auch die Motive für den zweiten Weltkrieg, nämlich der eigenen, so gedemütigten und wirtschaftlich danieder liegenden Gruppe wieder Geltung zu verschaffen, sozusagen als Ausgleich für die Demütigung in einer dann exzessiven Weise als Herrenrasse, die andere Gruppen nicht nur diskriminiert, sondern auch physisch vernichtet und ihren Lebensraum gewaltsam einnimmt: Das gehört zur Natur des Menschen. Wohl nur deswegen konnte ein ganzes Volk in kürzester Zeit zu solchen Verhaltensweisen gelangen.

Diese „böse“ Natur entstammt aber nicht irgendeinem übernatürlichen „Bösen“, sondern zu archaischen Zeiten war genau dieses gewaltsame Verhalten zwischen konkurrierenden Gruppen ein angepasstes und darin »gutes« Verhalten, so wie es heute noch im Tierreich ist. Das »Böse« liegt darin begründet, dass sich zwischenzeitlich durch die geistig-kulturelle Entwicklung die Lebensumstände dramatisch geändert haben, so dass das gewaltsame Verhalten zu einem unangepassten Verhalten geworden ist. Dieses unangepasste Verhalten ist aber weiterhin vorhanden und lässt sich auch nicht eliminieren, einfach deswegen nicht, weil es in unseren Genen als Instinkt verankert ist. Dasselbe gilt dann etwa für die Kriminalität, auch hier bricht einfach wieder die Natur des Menschen bei bestimmten Bedingungen als einstiges Recht des Stärkeren durch und es bedarf der dauernden kulturellen Kontrolle (zuerst religiös, dann juristisch), um diese alten, nicht mehr passenden Verhaltensweisen in Schach zu halten.



Das Schichtenmodell von Konrad Lorenz in Bezug zu Wilsons epigenetischen Regeln

So sehr sich Wilson von der Verwandtenselektion entfernt hat, so sehr nähert er sich nicht nur wegen der Bedeutung der Gruppenselektion wieder in einem erneuten Paradigmenwechsel der traditionellen Verhaltensforschung wie etwa der von Konrad Lorenz an. Das, was Wilson mit seinen epigenetischen Regeln als Wechselwirkung zwischen den Genen und der Kultur beschreibt, findet sich in ähnlicher Weise als Schichtenmodell bei Lorenz wieder.

In Anlehnung an den Philosophen Nicolai Hartmann ist für Lorenz das Leben geschichtet und er zitiert Hartmann mit den Worten:

„So erhebt sich die organische Natur über der anorganischen. Sie schwebt nicht frei für sich, sondern setzt die Verhältnisse und Gesetzlichkeiten des Materiellen voraus; sie ruht auf ihnen auf, wenn schon diese keineswegs ausreichen, das Lebendige auszumachen. Ebenso bedingt ist seelisches Sein und Bewußtsein durch den tragenden Organismus, an und mit dem allein es in der Welt auftritt. Und nicht anders bleiben die großen geschichtlichen Erscheinungen des Geisteslebens an das Seelenleben der Individuen gebunden, die seine jeweiligen Träger sind. Von Schicht zu Schicht, über jeden Einschnitt hinweg, finden wir dasselbe Verhältnis des Aufruhens, der Bedingtheit >von unten< her, und doch zugleich der Selbständigkeit des Aufruhenden in seiner Eigengeformtheit und Eigengesetzlichkeit“.

Der gravierendste Unterschied insbesondere zur Verwandtenselektion mit ihrem „gen-zentrierten“ Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens ist der, dass das Mensch-Sein bei Hartmann und Lorenz eine eigene Schicht mit eigener Gesetzmäßigkeit darstellt. Gemäß der Kategorienlehre von Hartmann kann daher das eigentliche menschliche Sein, also die geistig-kulturellen Aspekte, nur mit den Gesetzmäßigkeiten dieser Schicht erklärt werden. Das wäre sozusagen ein „geist-zentrierten“ Ansatz, bei dem es beim Menschen in seiner weiteren Entwicklung nicht um genetische Fitness, sondern um geistige Fitness geht.

Entscheidend bei der Beschreibung dieser exklusiv menschlichen Schicht sind dann nur die Ideen und ihre Gesetzmäßigkeiten, nach denen Menschen und Gesellschaften leben und ihr geistig-kulturelles Sein bewahren und weiterentwickeln, nicht aber die Aspekte der genetischen Ebene wie körperliche Abstammung, körperliche Merkmale, Anzahl der Nachkommen, sozialer Rang usw. Genetisch wird natürlich die Grundlage zur Entstehung von Geist und Kultur zur Verfügung gestellt, genauso wie die Materie die Grundlage für das lebendige Sein ist, aber das geistig-kulturelle Sein kann weder mit den physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten der Materie noch denen der Gene erfasst und beschrieben werden. Wenn das möglich wäre, wäre überhaupt keine eigene Schicht des Mensch-Seins nötig, bzw. dann reichten letztlich nur die physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten aus.

Wenn das geistige Sein mit einem gen-zentrierten Ansatz beurteilt wird, bedeuten das vor allem, dass das geistige Vermögen eines Menschen schon von Geburt an für ihn unveränderlich festgelegt ist und, da das dann auch genetisch vererbt würde, es damit innerhalb einer Gesellschaft feste Klassen von Menschen mit geringerem und höherem geistig-kulturellen Vermögen geben würde. Es würde auch dazu verleiten, das geistig-kulturelle Vermögen von Völkern in gleicher Weise an den Genen festzumachen. Der Hang dazu, das zu tun, ist dem Einfluss unserer Instinkte zu verdanken, die zur Zeit der genetischen Evolution des Menschen entstanden sind, d.h. zur dieser Zeit waren diese Instinkte durchaus passend.

Wilson liefert den empirischen Beweis gegen einen solchen gen-zentrierten Ansatz zur Beurteilung des menschlichen Seins, indem er zunächst fragt: „Warum sollte man die Evolution menschlicher Gesellschaften zu Zivilisationen als kulturellen und nicht als genetischen Prozess bezeichnen?“ Als Antwort führt er die Tatsache an, dass Kleinkinder aus Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, die bei Adoptivfamilien in technologisch fortschrittlichen Gesellschaften aufwachsen, zu kompetenten Mitgliedern dieser Gesellschaften werden – obwohl die Abstammungslinie des Kindes sich vor 45.000 Jahren von der der Adoptiveltern getrennt hat! Das war etwa bei Kindern von australischen Aborigines der Fall, die in Familien von Weißen aufwuchsen. Das belegt, dass sich an der genetischen Fitness zur Hervorbringung von Geist und Kultur seit mindestens 50.000 Jahren nichts geändert hat. Wie sollte dann ein Individuum gemäß dem gen-zentrierten Ansatz versuchen, seine persönliche genetische Fitness zu maximieren?

In gleicher Weise ist gemäß Wilson auch die geistig-kulturelle Entwicklung der Völker durch die Geografie bestimmt und nicht durch die Gene: „Die Größe und Fruchtbarkeit dieses eurasischen Kernlandes und nicht das Aufkommen eines an bestimmten Orten endemischen humanen Genoms führte zur neolithischen Revolution.“ Im Durchschnitt sind die Gene aller heutigen Völker als gleich anzusehen, was auf einen oder mehrere Flaschenhalseffekte während der Evolution des heutigen Menschen zurückzuführen ist. Trotzdem ist die Varianz der Gene innerhalb eines Volkes recht groß und vielfältig, so dass ein Europäer in seinen angeborenen Charaktereigenschaften oder seiner Intelligenz einem Aborigine mehr gleichen kann als einem anderen Mitglied seiner Gesellschaft oder seines ursprünglichen eigenen Stammes. So zitiert Wilson den Psychologen Richard W. Robins mit einer Erkenntnis von dessen Afrikareise: „Selbst zwischen so von Grund auf verschiedenen Ländern wie Burkina Faso und den USA gibt es in den durchschnittlichen Persönlichkeitstrends ihrer Bewohner keine substanziellen Unterschiede.“

Wilson erklärt in dieser Weise die Natur und das Verhalten des Menschen nicht von der genetischen Ebene her, wie es die sich auf Verwandtenselektion und genetische Gesamtfitness stützenden Soziobiologie tut, das schließt er ausdrücklich aus, sondern er setzt als weiteren Pol dazu die Kultur des Menschen voraus und sucht die Natur und das Sein des Menschen als Gen-Kultur-Koevolution mit Hilfe der epigenetischen Regeln zwischen diesen beiden Polen.

Den Pol der Kultur sieht er dabei jedoch lediglich in statischer Weise als Universalien der Kultur. Das eigentliche Potential dieses Pols, das Lorenz in der Systematik des Geistigen als analoges System zur genetischen Evolution versteht, sieht Wilson leider nicht. In dieser Besonderheit des menschlichen Seins als neuer, geistig-kultureller Evolutionsprozess liegt jedoch der eigentliche „Gral“ und die eigentliche „Zauberkraft“ des menschlichen Seins. Denn es bedeutet nichts anderes, als dass im menschlichen Sein die Evolution, nur auf einer anderen Ebene, dynamisch, ungebrochen und stetig weitergeht. Die menschliche Sprache als eigenständiges, Geist und Kultur hervorbringendes System zu verstehen ist sozusagen der Zauberschlüssel dazu, in der heutigen menschlichen Entwicklung den ungebrochenen Fortgang der Evolution zu erkennen – mit all ihren Chancen und Risiken.

Das menschliche Verhalten wird nach dem Modell von Lorenz aus zwei Schichten gespeist, zum einen aus den genetisch verankerten Instinkten seines animalischen Erbes und zum anderen aus seinem geistigen Vermögen. Genau wie im Fall der epigenetischen Regeln bei Wilson liegt die Natur des Menschen zwischen seinen Genen und seiner Kultur, seine Natur ist sozusagen schichtend gespalten. Die animalische Schicht der angeborenen Instinkte wird beim Menschen durch die Schicht seines geistig-kulturellen Seins überlagert, wobei die Instinkte des menschlichen Verhaltens wie Sexualität, Nahrungsaufnahme usw. sozusagen kultiviert werden. Sollte die geistig-kulturelle Überlagerung aus irgendwelchen Gründen wie Krisen- oder Notzeiten brüchig werden, so tritt die animalische Schicht sofort wieder hervor und übernimmt teilweise oder ganz die Verhaltenssteuerung.

Besonders interessant ist diese Schichtung im Verhalten bzw. die epigenetische Regel im Fall des von Wilson beschriebenen Instinkts der Gruppenbildung, zu der vor allem auch die Diskriminierung anderer Gruppen gehört, also Ethnozentrismus und Rassismus. Bis vor ca. 100 Jahren galt der Ethnozentrismus und Rassismus noch als allgemeines, auch wissenschaftlich gesichertes Wissen und Verhalten, selbst so ein scharfsinniger Beobachter wie Darwin war diesem Irrtum bzw. Instinkt erlegen. Erst durch die großen Katastrophen des letzten Jahrhunderts, in denen sich die Unangepasstheit dieses Verhaltens offenbart hat, kam es hier zu einer Anpassung in diesem Verhalten, d.h. es wurde durch entsprechende kulturelle Verhaltensnormen überdeckt, zumindest weitgehend in den Idealen und Zielen der Gesellschaft. Gerade diese Verhaltensanpassungen und ihre Entwicklungsrichtung sind es, die zur weitergehenden Evolution des geistig-kulturellen Seins des Menschen gehören. Auch die Einführung der Demokratie, bei der die zur Weiterentwicklung unabdingbaren Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Überzeugungen und Weltanschauungen nur auf geistige Weise statt auf die animalische Weise der Gewalt gelöst werden, gehört zu dieser weitergehenden Evolution. Hier zeigt sich auch die Richtung dieser Evolution: Das Geistig-Kulturelle als das eigentlich menschliche Sein in seiner gespaltenen Natur gewinnt laufend an Einfluss.

Das, was Wilson am Schluss seines Buches erwähnt, nämlich die Frage „Wohin gehen wir?“ und die Forderung: „Wir müssen damit aufhören, unsere Heimat zu zerstören, die einzige Heimat, die die Menschheit je haben wird“, offenbart aus der Perspektive der weitergehenden Evolution im Kulturellen schließlich die Bedeutung, Wucht und Dramatik dieser weiteren Evolution des Menschen. Denn wenn das Verhalten hinterfragt wird, das für die Zerstörung unseres irdischen Lebensraumes verantwortlich ist, was Wilson leider nicht tut, so kann erkannt werden, dass dieses Verhalten in der exzessiven Ansammlung materieller Werte besteht. Die Gier dieses Verhaltens ist so groß, dass damit wie in der Finanzkrise sogar das ganze System an die Wand gefahren wird. Der Mensch ist im Moment dabei, in gleicher Weise auch seine Lebensgrundlagen zu zerstören. Das lässt sich dann nicht so schnell berichtigen, in den Griff bekommen und wieder rückgängig machen wie die abstrakten Werte der Finanzkrise. Allein diese Auswirkungen zeigen schon, um was für ein Verhalten es sich bei diesem exzessiven und unter den heutigen Lebensumständen völlig unvernünftigen Verhalten des exzessiven Jagens und Sammelns materieller Werte handelt: Darunter verbirgt sich ein alter animalischer Instinkt, der viel mit Macht und Rang zu tun hat.

Auch dieser Instinkt war zu früheren Zeiten wie der Rassismus einmal ein angepasstes und sinnvolles Verhalten, der uns dementsprechend emotional vermittelt, dass dieses Verhalten an sich stets richtig ist. Unter den heutigen Bedingungen eines überbevölkerten und begrenzten Lebensraumes mit begrenzten Ressourcen und der gleichzeitigen Verfügbarkeit von Massenvernichtungswaffen in einem eventuellen Kampf um diese schwindenden Ressourcen ist es jedoch ein gänzlich unangepasstes Verhalten.

Wird auch dieses unangepasste Verhalten erst durch dadurch ausgelöste Katastrophen angepasst, so wie im Fall des Ethnozentrismus und Rassismus in den Katastrophen des letzten Jahrhunderts, oder kann der Mensch seine geistigen Fähigkeiten dazu nutzen, sein Verhalten auch ohne diese Katastrophen vorausschauend anzupassen?

Dazu müsste er zunächst einmal den Mythos seines Seins endgültig überwinden und stattdessen die rein natürliche und evolutionäre Entstehung und Grundlage seines Seins erkennen und anerkennen: Sein animalisches Erbe und damit seine schichtend gespaltene Natur. Dann würde er auch erkennen, worin die Zukunft seines Seins nur liegen kann, nämlich in dem ihn eigentlich und exklusiv auszeichnenden Sein seiner gespaltenen Natur, d.h. in einem Verhalten der exzessiven Ansammlung geistiger und kultureller Werte. Nur darin kann die Evolution im Fall des Menschen im Gegensatz zum materiellen Wachstumsideal ihren Fortgang finden. Die Bedingungen der „sozialen Eroberung der Erde“ und die gleichzeitige Begrenztheit dieses Lebensraumes Erde haben zur Folge, dass die Evolution praktisch gesetzmäßig nur weitergehen kann, wenn der Mensch auf natürliche Weise den Mythos seines Seins überwindet, und zwar auf die geistige Weise der neuen Evolution: im Denken, das nur in sprachlichen Begriffen stattfinden kann.

 

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