Reflexion und Kritik der MVE-Tagung 2014

Der Titel der Tagung lautete: „Dimensionen der Menschwerdung – Genese und Perspektiven evolutionärer Modelle“. Die nähere Beschreibung der Organisatoren zu dieser natürlichen und evolutiven Menschwerdung enthält den Begriff der „darwinschen Kränkung“ und den Hinweis auf die hierbei nicht mehr ernst zu nehmenden Antworten der Religion und weckte so die Erwartung, dass es bei dieser Tagung vor allem um grundsätzliche Fragen und Theorien der evolutionären Menschwerdung gehen sollte. Unter dem Punkt phylogenetische Menschwerdung ist etwa in dem call for papers zu lesen: „Wie wurde der Mensch zum Mensch?“ oder: „Wie haben wir uns im Stammbaum unserer Ahnenreihe von unseren Vorfahren distanzieren können?“ Konkret heißt es am Ende des call for papers: „Das Ziel dieser Tagung ist es, diese Prozesshaftigkeit des menschlichen Werdens entlang der beiden Dimensionen Phylogenese und Ontogenese aus der Perspektive evolutionärer Modelle [...] zu beschreiben, als auch perspektivisch zu entwickeln.“

 

 

Doch statt der angekündigten und gewünschten und zumindest von mir so verstandenen grundsätzlichen Fragen der evolutiven Menschwerdung ging es zwar in einem der beiden Keynote-Vorträgen immerhin um die „Evolution von Kultur bei Primaten“, doch in dem anderen um „Der Einfluss der Farbe Rot auf die Attraktivität von Frauen“. Auch die weiteren Beiträge wie etwa das Maß der Enkelfürsorge von Stiefgroßeltern usw. handelten oft nur von aktuellen soziologischen Fragestellungen und Lösungsfindungen. Das kann vielleicht auch alles als „Prozesshaftigkeit des menschlichen Werdens“ oder „Genese und Perspektiven evolutionärer Modelle“ verstanden werden, doch angesichts der Explosivität der aktuellen menschlichen Entwicklung, wie sie sich unter anderem in der Zunahme der Weltbevölkerung zeigt, sollte es doch hierbei um andere „Dimensionen“ gehen.

Wie sehen diese größeren „Dimensionen“ aus? Einen Anstoß dazu, das Tagungsthema mit der brennenden Aktualität der gegenwärtigen menschlichen Entwicklung zu verbinden, indem diese Entwicklung gemäß dem Namen der die Tagung organisierenden Liste „Menschliches Verhalten in evolutionärer Perspektive“ eben in dieser Perspektive betrachtet wird, könnte etwa der Historiker Ian Morris liefern, der in seinem Buch „Wer regiert die Welt? -Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden“ (Frankfurt/M. 2011) die Entwicklung der menschlichen Gesellschaften von der letzten Eiszeit an bis heute untersuchte und zu der Erkenntnis gelangte, dass „wir dazu verdammt [sind], in interessanten Zeiten zu leben“ (S. 560) und weiter: „Im 21. Jahrhundert verspricht – oder droht – die gesellschaftliche Entwicklung so hoch zu steigen, dass sie auch den Einfluss der natürlichen und sozialen Bedingungen verändern wird. Wir nähern uns der größten Diskontinuität der Geschichte“ (S. 567). Als Fazit seiner Untersuchungen stellt Morris fest: „Neue Formen der Entwicklung und der Zerstörung drohen nicht nur die geographische, sondern auch die biologische und die soziologische Landschaft grundlegend zu verändern. Die große Frage unserer Zeit stellt sich nicht danach, ob der Westen seine Vormachtstellung auch weiterhin wird halten können, sondern danach, ob die Menschheit insgesamt den Durchbruch zu einer vollkommen anderen Seinsweise schafft, bevor uns die Katastrophe ereilt - und uns für immer erledigt“ (S. 45).

Diese dramatische Entwicklung in der evolutionären Perspektive gesehen stellt das aktuelle Mensch-Sein wieder in die Mitte des evolutionären Geschehens, macht deutlich und lebendig, dass Evolution gerade im Fall des Menschen im Hier und Jetzt in dramatischer Weise „prozesshaft“ stattfindet, besonders als explosive Entwicklung einer Spezies in einem überbevölkerten und begrenzten Lebensraum. Doch leider spielte dieses hochaktuelle Geschehen von Evolution im Fall des Menschen, das dem Tagungsthema im wahrsten Sinne des Wortes eine andere „Dimension“ verleihen würde, weder bei dieser Tagung eine Rolle, noch hat die Soziobiologie es ansonsten im Blickfeld. Man nimmt es in der Biologie höchstens dadurch am Rande wahr, dass man etwa in der Primatenforschung erkennt, dass einem das Studienobjekt langsam aber sicher abhanden kommt. Die Situation allgemein gleicht einem Vulkanologen, der vertieft in spezielle Gesteinsuntersuchungen mit vermuteten vulkanischem Ursprung nicht bemerkt, dass unter und neben ihm der Vulkan gerade ausbricht.

Bei der Frage, warum die MVE-Liste in dieser Hinsicht und Dimension weder dem diesjährigem Tagungsthema noch ihrem Namen „Menschliches Verhalten in evolutionärer Perspektive“ überhaupt gerecht wird, kann der Blick in die Disziplin der Volkswirtschaftslehre in mehrfacher Hinsicht weiter helfen. Denn hier hat sich in der Nichtwahrnehmung der eigentlichen Dimension des Studienobjektes etwas Ähnliches gerade konkret und für jeden erfahrbar abgespielt. So heißt es in einem Online-Artikel des Handelsblattes vom 14.01.2010 mit dem Titel „Wie die Finanzkrise die VWL auf den Kopf stellt“ in der Einleitung: „Auf der weltweit wichtigsten Tagung für Volkswirte haben selbstkritische Ökonomen eine Runderneuerung ihres Fachs gefordert. Nicht ohne Grund: Kaum ein Ökonom hat die Krise kommen sehen, und die gängigen Modelle können das Geschehen weder abbilden noch erklären.“ Das gilt so auch für die Soziobiologie: Die gängigen Modelle können das (etwa von Morris geschilderte) Geschehen weder abbilden noch erklären, ja die Soziobiologie sieht und versteht hierbei das Geschehen, nämlich die auf die „größte Diskontinuität der Geschichte“ zulaufende explosive Entwicklung des Mensch-Seins, nicht einmal als „menschliches Verhalten in evolutionärer Perspektive“. Es fehlt ganz offensichtlich das Modell und Bewusstsein, um das aktuelle Geschehen so zu sehen und zu verstehen.

Der Vergleich von Soziobiologie und gegenwärtiger menschlicher Entwicklung einerseits mit der Volkswirtschaftslehre und der Finanzkrise andererseits trägt aber noch weiter. In dem recht aktuellen Online-Artikel des Tagesspiegels vom 05.01.2014 mit dem Titel „Professoren wollen von der Krise nichts wissen“ heißt es, dass viele Hochschul-Lehrer bei der Ausbildung die Finanzkrise immer noch ignorieren, weiter allein an dem ganz offensichtlich versagenden Modell der Neoklassik festhalten und manche Studenten sich aus Protest dagegen sogar selbst unterrichten. Die Studenten fordern dabei, dass Volkswirte „über den eigenen Tellerrand hinaus schauen sollten“, indem sie „noch viel von Psychologen, Soziologen oder sogar Biologen lernen könnten“.

Gerade das Lernen von den Biologen lässt sich dabei konkretisieren, denn es heißt in dem Artikel: „Die Neoklassik geht davon aus, dass Menschen sich stets rational verhalten“. Hier könnte die Biologie etwa mit dem Schichtenmodell von Konrad Lorenz und Nicolai Hartmann einwenden, dass das gerade nicht der Fall ist, da der Mensch ein animalisches Erbe in seinen Genen trägt, das bei der Menschwerdung natürlich nicht verschwunden ist und das, wie etwa im Fall des Rassismus und eben als exzessive Gier nach Macht und Reichtum, nicht rational handelt. In dem in „bild der wissenschaft“ 2-2011 erschienen Artikel „Die Wurzeln von Geiz und Gier“ ist das sogar schon einmal thematisiert worden. In einer fiktiven Diskussion mit Naturwissenschaftlern vor der New Yorker Börse führte darin der Wissenschaftsjournalist Sascha Karberg den Brokern, Bankern und Managern der Wall Street die biologischen, in den Genen verankerten Wurzeln ihres Tuns vor. Aber das der moderne Mensch animalische Verhaltensmotive besitzen soll, gehört trotz des sinkenden religiösen Einflusses weiterhin nicht zum Selbstverständnis des Menschen.

Daher wird selbst in der Soziobiologie und natürlich erst recht in der Volkswirtschaftslehre diese Spur nicht weiter verfolgt, ja man verengt in der VWL das Blickfeld sogar nur auf eine einzige Theorie. In dem schon genannten Tagesspiegel-Artikel kritisiert der als Außenseiter geltende Ökonom Heiner Flassbeck: „Es ist ein Skandal, dass an vielen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland nur eine Theorie gelehrt wird“. Weiter heißt es in dem Artikel: „Den Fehler sieht er im System: Volkswirte, die Meinungen abseits des Mainstreams vertreten, hätten kaum eine Chance, eine Professorenstelle an einer deutschen Universität zu bekommen. Deshalb werde auch nichts anderes unterrichtet.“ Es findet hier sozusagen eine Selektion im Dienste des herrschenden Paradigmas und des herrschenden menschlichen Selbst- und Wirtschaftsverständnisses statt, d.h. es gibt gar keine freie Wissenschaft bzw. die Wissenschaft ist an Lösungen überhaupt nicht interessiert, die das herrschende Paradigma in Frage stellen. Dass es über diese Abhängigkeiten hinaus aber noch eine andere Selektion gibt, beweist die Finanzkrise, die dadurch so gut wie niemand hat kommen sehen.

Von der das menschliche Sein einschließenden Evolutionstheorie her kann der Mangel auch noch anders beschrieben werden. Der Geist ist das, was den Menschen in der Evolution erst vom Tier zum Menschen erhoben hat. Es fehlt aber weiterhin der Geist, der über den schon genannten „Tellerrand“ auch in größeren Zusammenhängen hinaus blicken kann, wobei dieser „Teller“ dabei oft genug von unserem animalischen Erbe als Streben nach Rang und Machtusw.  bestimmt wird. Mit anderen Worten lässt es sich mit einer Erkenntnis von Hoimar von Ditfurth ausdrücken, der nach der Mensch das wahre Mensch-Sein noch lange nicht erreicht hat, d.h. der Mensch befindet sich erst mitten in einem „Tier-Mensch-Übergangsfeld“. Doch diese Erkenntnis ist dem Menschen allgemein nicht bewusst, nicht einmal in der Wissenschaft. So wird gerade auch in der Biologie das aktuelle explosive Evolutionsgeschehen des menschlichen Seins überhaupt nicht wahrgenommen. Bezüglich des eigenen Seins herrscht hier beim Menschen ein »blinder Fleck« bzw. es wirkt hier immer noch das statische religiöse Selbstverständnis.

 

In dem folgend verlinkten Beitrag habe ich versucht, mit Hilfe einer Erkenntnis von Konrad Lorenz Geist und Kultur des  Menschen als ein neues Evolutionsgeschehen zu verstehen und aus dieser Perspektive dann die Explosivität und Dramatik der gegenwärtigen Entwicklung als Evolution und fortwährende natürliche Menschwerdung zu erkennen. Evolution des Menschen findet in explosiver Weise in einem begrenzten Lebensraum, an dessen Grenzen der Mensch in vielfacher Hinsicht gerade stößt, im Hier und Jetzt statt:

http://www.mve-liste.de/de/blog/geist-und-kultur-in-der-naturwissenschaftlichen-erklaerung-als-aktuell-rasant-fortschreitende-evolution-20.html

 

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