Darwins evolutionäres Religionsverständnis

Darwins evolutionäres Religionsverständnis

Zwölf Jahre nach seinem Hauptwerk „Über die Entstehung der Arten“ veröffentlicht Charles Darwin 1871 sein Werk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“. Darin wendet er seine Evolutionstheorie konsequent auch auf das Sein des Menschen an. In dem großen Prozess der evolutionären Menschwerdung, den Darwin beschreibt, spielt, „höchst wichtig“, auch der religiöse Glaube eine große Rolle. Darin hält Darwin nicht den übernatürlichen Inhalt des religiösen Glaubens für wahr, sondern der religiöse Glaube beinhaltet für ihn allgemein als rein natürliches menschliches Verhalten „offenbar einen beträchtlichen Fortschritt der menschlichen Vernunft und einen noch größeren Fortschritt seiner Einbildungskraft, Neugierde und seines Wissensdranges“ (Darwin 2002, 271-272). Darwin sieht dabei, genau wie bei den Lebewesen seiner Evolutionstheorie, auch im religiösen Glauben eine Entwicklung und (im Gegensatz zu den heutigen »neuen Atheisten«) einen diese Entwicklung bestimmenden und der Verbreitung des religiösen Glaubens entsprechenden Nutzen. Dieses strikt evolutionäre Verständnis des religiösen Glaubens und seiner Entwicklung hat zur Konsequenz, dass der religiöse Glaube an übernatürliche Kräfte und Wesen darin restlos aufgeklärt wird. Die Erkenntnis und das Selbstbewusstsein des Menschen über seine wahre, rein natürliche Abstammung (und die wichtige Rolle der Religion dabei) ist so ein ganz entscheidender Schritt in der weiteren natürlichen Menschwerdung.

 

 

Darwins evolutionäre Menschwerdung, ausgehend von der Ebene grundlegender Instinkte

Für Darwin steht es nicht nur aufgrund von Embryonaluntersuchungen fest, dass sich der Mensch langsam aus dem Tier entwickelt hat. Diese Entwicklung versucht er in seiner „Abstammung des Menschen“ nachzuvollziehen und erkennt zunächst, „daß von allen Unterschieden zwischen dem Menschen und den Tieren das moralische Gefühl oder das Gewissen der weitaus bedeutungsvollste sei. Dieses Gefühl beherrscht, wie Mackintosh bemerkt, 'rechtmäßigerweise jedes andere Prinzip menschlicher Tätigkeit'; es wird in jenem bedeutungsvollen, kurzen, aber gebieterischen Wörtchen 'du sollst!' zusammengefaßt. Es ist das edelste aller Attribute des Menschen; es treibt ihn an, sein Leben ohne Zögern für ein Mitgeschöpf zu wagen, oder nach sorgfältiger Überlegung, einfach durch das tiefe Gefühl des Rechts oder der Pflicht, irgendeiner großen Sache zu opfern“ (Darwin 2002, 121-122).

Das gilt, gerade heute, nicht mehr nur hinsichtlich der Religion (sondern neben der Politik usw. auch gegen die Religion!). Aber Darwin nimmt, im Gegensatz zu den heutigen »neuen Atheisten«, in seinem „du sollst!“ in einem natürlichen Religionsverständnis die große Rolle der Religion in der Geschichte bei diesem „edelsten Attribut des Menschen“ wahr, das den Menschen mit dem „du sollst!“ und Gewissen von seinen animalischen Instinkten erst abhebt: „Höchst wichtig, wenn auch nicht notwendig, ist ein anderes Element: die Verehrung oder die Furcht vor Göttern oder Geistern, an die ein Mensch glaubt. Dies spricht vor allen Dingen bei Gewissensbissen mit“ (Darwin 2002, 144).

Mit einem Zitat von Kant zur „Pflicht“ fragt Darwin nach dem Ursprung des „du sollst!“: „Welches ist der deiner würdige Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft?“ (Darwin 2002, 122). Die Antwort darauf gibt Darwin in seiner „Abstammung des Menschen“ als nach seiner Kenntnis einziger von naturwissenschaftlicher Seite aus, „als ein Versuch, zu sehen, wie weit das Studium der Tiere Licht auf eine der höchsten psychischen Fähigkeiten des Menschen werfen kann“ (Darwin 2002, 122). Konkret scheint es ihm „in hohem Grade wahrscheinlich zu sein, daß jedwedes Tier mit wohl ausgebildeten sozialen Instinkten (Eltern- und Kindesliebe eingeschlossen), unausbleiblich ein moralisches Gefühl oder Gewissen erlangen würde, sobald sich seine intellektuellen Kräfte so weit oder nahezu so weit wie beim Menschen entwickelt hätten“ (Darwin 2002, 122). Moral und Gewissen entspringen für Darwin aus den sozialen Instinkten (vgl. Darwin 2002, 169), die der Mensch mit den Tieren teilt, „die zweifellos vom Menschen wie von den Tieren zum Besten der Gesamtheit erworben worden sind, vom Anfang an Hilfsbereitschaft und Sympathie bei ihm erzeugt und ihn veranlaßt haben, ihre Billigung oder ihre Mißbilligung zu beachten. Diese Impulse werden ihm in der frühesten Periode der Geschichte als der primitive Maßstab für Recht und Unrecht gegolten haben.“ (Darwin 2002, 158).

Bei diesen sozialen Instinkten, auf denen beim Menschen Moral und Gewissen ruhen, erkennt Darwin jedoch eine ganz entscheidende Einschränkung, denn: „Diese Gefühle und Hilfeleistungen werden aber durchaus nicht auf alle Individuen derselben Spezies ausgedehnt, sondern nur auf die derselben Gemeinschaft“ (Darwin 2002, 123). So gilt auch: „Daß wilde Nachbarstämme beinah immer miteinander im Krieg liegen, ist kein Beweis gegen die Annahme, daß der Wilde ein soziales Tier sei; denn die sozialen Instinkte erstrecken sich niemals auf alle Individuen derselben Art“ (Darwin 2002, 136).

Die Gemeinschaften, auf die diese sozialen Instinkte der Sympathie ursprünglich auch beim Menschen wirkten, sind die Stämme, in denen die Menschen zu früheren Zeiten in ihrer Lebensweise als Jäger und Sammler lebten. Eine Änderung der Lebensweise (vom nomadenhaft lebenden Jäger und Sammler zum sesshaften Ackerbauern, Viehzüchter und Handwerker) erforderte dann eine andere soziale Struktur, zu der Darwin schreibt: „Wenn der Mensch in der Kultur fortschreitet und kleine Stämme zu größeren Gemeinwesen sich vereinigen, so führt die einfachste Überlegung jeden Einzelnen schließlich zu der Überzeugung, daß er seine sozialen Instinkte und Sympathien auf alle, also auch auf die ihm persönlich unbekannten Glieder desselben Volkes auszudehnen habe. Wenn er einmal an diesem Punkte angekommen ist, kann ihn nur noch eine künstliche Schranke hindern, seine Sympathien auf die Menschen aller Nationen und aller Rassen auszudehnen“ (Darwin 2002, 155).

Diese Annahme von Darwin hat sich aber eindeutig als zu optimistisch erwiesen. Diese Fehleinschätzung von ihm ist zwischenzeitlich durch die beiden großen Katastrophen des letzten Jahrhunderts praktisch empirisch belegt, besonders auch in Verbindung mit seiner Annahme: „hochzivilisierte Völker [..] verdrängen und vernichten einander nicht wie wilde Stämme“ (Darwin 2002, 184). Wahrscheinlich hat Darwin hierbei den als Pendant zu dem sozialen Instinkt der Sympathie gegensätzlich wirkenden sozialen Instinkt nicht auf der Rechnung. Diese Lücke bei Darwin füllt Konrad Lorenz gut aus, der in seinem Buch „Das sogenannte Böse“ genau diesen gegensätzlich wirkenden sozialen Instinkt mit „sozialer Aggression“ umschreibt (vgl. Lorenz 1984, 244). Als Pendant zu Darwins sozialem Instinkt der Sympathie ist es der soziale Instinkt der Unsympathie, der Abneigung oder des Hasses zwischen Mitgliedern derselben Art.

Darwin hat zwar diesen gegensätzlichen Instinkt der Unsympathie nicht als solchen genannt, aber er hat (neben der Erkenntnis, dass der Instinkt der Sympathie nicht für alle Individuen derselben Art gilt) die Wirkung dieses gegensätzlichen sozialen Instinktes klar und treffend beschrieben, wenn er feststellt (wobei diese seine Aussage im Sinne von Lorenz wie folgt im eckigen Klammerzusatz erweitert werden kann): „daß wir offenbar in unserem Urteile durch die bloße Farbe der Haut und des Haars, durch unbedeutende Verschiedenheiten in den Gesichtszügen und durch den Ausdruck [auch als bloßes Bekenntnis der Zugehörigkeit zu einer bestimmten politischen oder religiösen Idee] sehr beeinflußt werden [ein Feindbild zu anderen Gruppen unserer eigenen Spezies aufzubauen und diese dann aggressiv zu bekämpfen, und zwar entsprechend der Wirkungsweise eines Instinktes von der emotionalen Ebene aus]“ (Darwin 2002, 217).

Das Zusammenspiel dieser beiden gegensätzlich wirkenden sozialen Instinkte erklärt nicht nur die soziale Struktur der ursprünglichen menschlichen Gemeinschaften und die Funktion ihrer Aufrechterhaltung, sondern auch den kulturellen Fortschritt, der in der Veränderung dieser ursprünglichen sozialen Struktur als den von Darwin genannten Prozess des Zusammenschlusses kleinerer Stämme zu größeren Gemeinschaften liegt. In diesem kulturellen Fortschritt erhielt (früher fast ausschließlich durch die Religion) der eine soziale Instinkt (der Sympathie) kulturell eine höhere Wertung und wurde zumindest im Ideal auf alle Menschen ausgedehnt, während der andere moralisch geächtet und als »böse« bewertet wurde, was aber nicht verhinderte, dass sich auch dieser Instinkt bis heute weiterhin bemerkbar macht.

Gemäß dem Titel seines Buches „Die Abstammung des Menschen“ fängt Darwin bei der Beschreibung der rein natürlichen, evolutionären Menschwerdung bei den Tieren und deren Instinkten an (die beim Menschen ja nicht verschwunden sind, da sie genetisch verankert sind) und fährt fort: „Als aber der Mensch geistig Schritt um Schritt höher stieg und auch die fernsten Konsequenzen seiner Handlungen ziehen lernte, als sein Wissen bis zu einem Punkte vorgeschritten war, wo es die Verderblichkeit der abergläubischen Gebräuche erkannte, als er mehr und mehr nicht nur das Wohl, sondern auch das Glück seiner Mitmenschen berücksichtigen lernte, als sich sein Wohlwollen, durch wohltätige Erfahrung, durch Unterricht und Beispiel verfeinert und erweitert, schließlich auf die Angehörigen aller Rassen, ja selbst auf die nutzlosen Glieder der Menschheit, die Idioten und Krüppel, und endlich auch auf die Tiere erstreckte, da wurde auch der Maßstab seiner Sittlichkeit größer und erhabener“ (Darwin 2002, 158-159). Darwin erkennt in diesem großem evolutionären Prozess der natürlichen Menschwerdung, „daß die Sittlichkeit tatsächlich seit den frühesten Zeiträumen der Menschengeschichte eine aufsteigende Linie verfolgt habe“ (Darwin 2002, 159).

Selbst die von Darwin genannten „Rückschläge“ (zu denen dann auch die beiden großen Katastrophen des letzten Jahrhunderts zu zählen sind, wobei bei diesen Rückschlägen stets unangepasste soziale Instinkte ursächlich und bestimmend sind) unterbrechen oder behindern diesen stetigen Prozess der weiteren Kultivierung nicht wirklich, ja sie sorgen sogar dafür, dass der Mensch letztlich klarer erkennt bzw. empirisch erfährt, welches ursprünglich gute und weiterhin vertraute Verhalten (etwa das der Aggression gegen Nachbarstämme oder eben -staaten) unter den neuen Lebensbedingungen nicht mehr angepasst ist, so dass die Entwicklung nach diesen Rückschlägen umso eindeutiger im Sinne der „aufsteigenden Linie“, die durch die prägenden menschlichen Eigenschaften von Geistigkeit, Vernunft und Kultur gekennzeichnet ist, weiter voranschreitet.

Dabei wäre es natürlich im wahrsten Sinne des Wortes humaner, diesen evolutionären Prozess und damit auch die unangepasst werdenden Verhaltensweisen mit den geistigen und hier speziell den vernünftigen Fähigkeiten des Menschen schon im Vorfeld zu erkennen und so das menschliche Verhalten vorausschauend, direkt, elegant und bewusst auf geistig-kulturelle Weise anzupassen, statt erst über einen durch die unangepassten Verhaltensweisen verursachten Rückschlag auf der physischen Ebene indirekt und unbewusst im Nachhinein.

Nicht nur Darwins Erkenntnisse zur Religion und die fortwährende Auseinandersetzung seiner Evolutionstheorie gerade mit der Religion belegen, dass wir noch immer in dem von Darwin beschriebenen natürlichen Menschwerdungsprozess stehen. Mit den Worten von Hoimar von Ditfurth befindet wir uns erst mitten in einem „Tier-Mensch-Übergangsfeld“. Hätten vor diesem Hintergrund die beiden großen Katastrophen des letzten Jahrhunderts verhindert werden können, indem vertraute und altbewährte Verhaltensweisen allgemein mit der Vernunft als unter den neuen Lebensbedingungen unangepasst erkannt und so auf geistig-kulturelle Weise angepasst worden wären? Befinden wir uns in dem weitergehenden Menschwerdungsprozess heute vielleicht in einer ähnlichen Situation, indem heute ein altbewährtes und vertrautes Verhalten mehr und mehr aufgrund einer neuen Lebenssituation zu einem unangepassten Verhalten wird, etwa dadurch, dass in einer überbevölkerten, begrenzten und mit Massenvernichtungswaffen ausgerüsteten globalisierten Welt der Lebenssinn zunehmend in einem auf Kosten von Umwelt und Mitmenschen exzessiven und konkurrierenden Jagen und Sammeln von materiellen Werten gesehen wird?

 

Die Religion als Teil des rein natürlichen Menschwerdungsprozesses bei Darwin

In dem großen und bis heute andauernden Prozess der evolutionären Menschwerdung spielt für Darwin gerade die Religion eine große Rolle. Einerseits hofft Darwin, er habe „wenigstens dadurch etwas Gutes gestiftet, daß ich dazu beigetragen habe, das Dogma separater Schöpfungen umzustoßen“ (Darwin 2002, 73) und setzt diejenigen sogar den Wilden gleich, die die Naturerscheinungen als unzusammenhängende Geschehnisse betrachteten und die weiterhin glauben, daß der Mensch seinen Ursprung einem separaten Schöpfungsakt verdanke (vgl. Darwin 2002, 263). Aber andererseits erkennt Darwin eben die entscheidende Rolle, die der religiöse Glaube in der natürlichen evolutionären Menschwerdung spielte.

Darwin sieht beim Verhalten des religiösen Glaubens zudem eine Entwicklung, und es ist sinnvoll, diese Entwicklung des religiösen Glaubens zusammen mit der Entwicklung der Lebensweise und der sozialen Struktur der menschlichen Gemeinschaften zu sehen. Schon seit dem Monotheismus stand bei dem das Verhalten beeinflussenden religiösen Glauben nicht mehr die Auseinandersetzung des Menschen mit den Naturkräften im Vordergrund, sondern das Verhalten zwischen den einzelnen Stammesmitgliedern (als Folge der Sesshaftigkeit) bzw. mit dem Christentum dann zwischen den verschiedenen und sich bisher dauernd bekriegenden Gruppen oder Stämmen, bei denen größere Reiche nur durch pure Gewalt zusammengehalten werden konnten.

Als Beleg in dieser Hinsicht einer Entwicklung des religiösen Glaubens kann das Wesen des alttestamentlichen gegenüber dem neutestamentlichen Gott dienen. Während die zehn Gebote des alttestamentlichen Gottes nur für das eigene Volk galten und dieser Gott gegenüber den Nachbarvölkern geradezu den Völkermord gebot (vgl. fünftes Buch Mose/Deuteronomium, Kapitel 20, Vers 13-17, Einheitsübersetzung), änderte sich mit der völkerübergreifenden Nächstenliebe des neutestamentlichen Gottes das Verhalten zu diesen Nachbarvölkern radikal. Mit der neuen Lebensweise in größeren menschlichen Gemeinschaften, Reichen oder den heutigen Staaten und Unionen bedurfte es keiner polytheistischen Naturgottheiten mehr, sondern, um das alte, nun unangepasste, durch den sozialen Instinkt der Unsympathie hervorgerufene Verhalten der Abgrenzung, Abneigung und Aggression gegenüber den Mitmenschen und Nachbarstämmen oder -gruppen zu überwinden, vielmehr der moralischen Gebote eines möglichst mächtigen Rudelführers, am besten eines mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten allmächtigen und allgütigen Führers.

Die Vorstellung dessen war mit den neuen geistigen Fähigkeiten des Menschen problemlos zu verwirklichen, denn es waren „dieselben hohen geistigen Fähigkeiten, die den Menschen zuerst zum Glauben an unsichtbare geistige Kräfte brachten, dann zum Fetischismus, Polytheismus und endlich zum Monotheismus führten“ (Darwin 2002, 121). Hier bewahrheiten sich noch folgende Worte Darwins, die eine natürliche, evolutionäre Erklärung der Religion ergeben: „Bei den zivilisierteren Rassen hatte die Überzeugung von der Existenz einer allwissenden Gottheit einen mächtigen Einfluß auf den Fortschritt der Moral“ (Darwin 2002, 271). Das gilt nur für die schon zivilisierten Völker, denn: „Die Idee eines allmächtigen und allgütigen Schöpfers scheint im Geiste des Menschen nicht eher zu entstehen, als bis ihn eine lange Kultur erhoben hat“ (Darwin 2002, 272). Der monotheistische Glaube passte erst ab einem bestimmten Stand der kulturellen Entwicklung, weil er dort eine ganz bestimmte und entscheidende Aufgabe erfüllte. Allgemein ist so der religiöse Glaube nicht ohne die jeweilige evolutionäre und kulturelle Entwicklung des Menschen zu denken – das gilt auch als die von Vernunft geprägte Überwindung des religiösen Glaubens an sich durch die neuzeitliche Aufklärung und Evolutionstheorie bis heute.

Dieses evolutionäre Verständnis der Religion von Darwin stimmt dabei mit dem von Kant völlig überein, wenn dieser feststellt, dass die moralischen Gesetze es sind, „deren i n n e r e praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt zu geben. [...] Wir werden, soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind (Kant B846-847).

 

Der als Vordenker der heutigen sogenannten neuen Atheisten geltende Richard Dawkins vertritt den Standpunkt, dass die Religion „eine riesige Verschwendung von Zeit und Menschenleben“ und ein „Witz mit kosmischen Ausmaß“ ist, der letztlich „zu rein gar nichts“ gut ist (vgl. Dawkins 2004, 138). Welche naturwissenschaftliche Bankrotterklärung angesichts dieses evolutionären Phänomens mit „kosmischen Ausmaß“. Ganz im Gegensatz zu dieser Ansicht von Dawkins spielt die Religion im Verständnis von Darwin in der rein natürlichen und evolutionären Menschwerdung die wahrscheinlich sogar entscheidendste und wichtigste Rolle, ohne die es das heutige Mensch-Sein nicht geben würde. Der Mensch würde ohne die Religion heute wohl immer noch wie viele Tiere leben, nämlich in getrennten Rudeln oder Stämmen, die einander nur aufgrund unbedeutender Verschiedenheiten dauernd bekriegen und hassen (was als dieses heute unangepasste Verhalten trotz aller kultureller Einflüsse immer noch überall erkennbar ist). Mit dieser archaischen sozialen Struktur und dem dazu gehörenden sozialen Verhalten wäre der heutige Stand von Kultur und Technik nicht zu verwirklichen gewesen.

Dieses Verdienst und dieser Nutzen der Religion heißt aber nicht, dass sie ab einem bestimmten Stand der kulturellen Entwicklung nicht selbst und an sich zu einem unangepassten Verhalten werden kann, so wie viele spezielle Religionsformen und viele andere Verhaltensweisen und Lebewesen zuvor in der Evolution. Nur ist dieser entscheidende Schritt in der weiteren Evolution des Menschen, die entsprechend seines Seins auf der geistig-kulturellen Ebene des Verhaltens geschieht, nur als Fortsetzung der „aufsteigenden Linie“ der geistig-kulturellen Entwicklung möglich. Das kann dann nur eine kulturelle Weiterentwicklung sein, bei der trotz der sachlichen Kritik und nötigen Anpassung bzw. Loslösung von einer uralten vertrauten Verhaltensweise der Instinkt der Sympathie mitspielt und bestimmend ist, nicht aber der der Unsympathie, bei dem dann die Ebene der sachlichen und vernünftigen Auseinandersetzung verlassen wird.

 

Literaturverzeichnis:

Charles Darwin, Die Abstammung des Menschen, Stuttgart 2002

Richard Dawkins, Die Unwahrscheinlichkeit Gottes, in: Im Anfang war (k)ein Gott., Hrsg. T.D. Wabbel, Düsseldorf 2004

Konrad Lorenz, Das sogenannte Böse, München 1984

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Ausgabe Meiner Hamburg 1998

 

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