Evolutionstheorie 2.0

Evolutionstheorie 2.0

Wie eine grundlegende Erkenntnis von Konrad Lorenz Geist und Kooperation erklärt und die aktuelle menschliche Entwicklung der evolutionären Perspektive zugänglich macht.

 

Die bisherige Evolutionstheorie lässt sich auf das moderne Mensch-Sein mit seiner weiteren Entwicklung und seinen Fehlentwicklungen nicht anwenden, eine grundlegende Erkenntnis von Konrad Lorenz ermöglicht das jedoch. Um eine das Sein und Verhalten des modernen Menschen umfassende evolutionäre Perspektive gewinnen zu können, ist es zunächst nötig, von der mythischen oder religiösen Wesensbestimmung des Menschen abzurücken und stattdessen den Beginn und das Wesen des Mensch-Seins rein in der evolutionären Perspektive zu bestimmen. Genau darum geht es in der Erkenntnis von Konrad Lorenz und in Verbindung mit einer Erkenntnis von Kant lässt sich das Entstehen und die besondere, einzigartige Funktion des Evolutionssystems beim Menschen als Geist mit der daraus sich ergebenden Kooperation und damit letztlich auch sein Wirken beim modernen Menschen finden. Jüngst geschehene und aktuelle Entwicklungen und Probleme des modernen Mensch-Seins werden so dieser neuen evolutionären Perspektive zugänglich gemacht, die darin eine größtmögliche Orientierung gibt, vor allem auch indem sie in ganz praktischer Hinsicht ihre Anwendung und Bestätigung findet und Probleme des modernen Mensch-Seins zu lösen vermag.

 

 

 

Die einzigartige Besonderheit des Wirkens der Evolution beim Menschen, die mit dem Beginn des Evolutionsprozesses selbst gleichzusetzen ist

Die Evolutionstheorie hat die mythische oder religiöse Lehre oder Theorie über die Entstehung der Lebewesen abgelöst. Dieselben Gegebenheiten der Existenz von Lebewesen werden dabei wie bei einem Vexierbild nun in einer anderen, rein natürlichen Deutung gesehen, die sich als sehr vorteilhaft, vernünftig und sinnvoll erwiesen hat. Genau dasselbe wird hier nun noch einmal bezüglich der Entstehung und Entwicklung des Geistes bzw. Menschen durchgeführt, d.h. auch dieses Phänomen wird hier nun mit einer neuen Deutung, Theorie oder Idee rein natürlich verstanden und so, wie schon die Lehre über die Entstehung der Lebewesen, entmythologisiert.

Den konkreten, fundamentalen und besonderen Anfang und das Wesen des Geistes und Mensch-Seins aus der rein natürlichen und entmythologisierenden Sicht der Evolutionstheorie beschreibt Konrad Lorenz folgendermaßen:

Während all der gewaltigen Epochen der Erdgeschichte, während deren aus einem tief unter den Bakterien stehenden Vor-Lebewesen unsere vormenschlichen Ahnen entstanden, waren es die Kettenmoleküle der Genome, denen die Leistung anvertraut war, Wissen zu bewahren und es, mit diesem Pfunde wuchernd, zu vermehren. Und nun tritt gegen Ende des Tertiärs urplötzlich ein völlig anders geartetes organisches System auf den Plan, das sich unterfängt, dasselbe zu leisten, nur schneller und besser.

Wollte man Leben definieren, so würde man sicher die Leistung des Gewinnens und Speicherns von Informationen in die Definition einbeziehen, ebenso wie die strukturellen Mechanismen, die beides vollbringen. In dieser Definition aber wären die spezifischen Eigenschaften und Leistungen des Menschen nicht enthalten. Es fehlt in dieser Definition des Lebens ein essentieller Teil, nämlich alles das, was menschliches Leben, geistiges Leben, ausmacht. Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei.1

 

Der Mensch ist in diesem Verständnis der Evolutionstheorie nicht wie im mythischen, religiösen Weltbild in einem einmaligen Akt vollkommen, fertig, nach göttlichem Ebenbild aber ohne animalische Wesenszüge erschaffen worden. Das Mensch-Sein im evolutionären Verständnis gründet vielmehr auf dem animalischen Sein, wobei das Eigentliche, das den Menschen im evolutionären Verständnis ausmacht, nach der Erkenntnis und Darstellung von Konrad Lorenz das geistige Leben ist. Dieses ist aber ebenfalls nicht plötzlich in fertiger und vollkommener oder gar göttlich-mythischer Form vorhanden gewesen, sondern hat als eigenständiges System des Informationserwerbs ganz klein angefangen (aus Vorstufen bei den höheren Tieren heraus) und sich von da ab bis heute fortwährend und im wahrsten Sinne des Wortes systematisch weiter entwickelt – jedoch im Zusammenspiel und in der Auseinandersetzung mit der weiterhin vorhandenen animalischen Grundlage desjenigen Tieres, dem durch diese Entwicklung zum Mensch-Sein sozusagen ein neuer Ast bzw. Stamm im Informationserwerb und der Informationsverarbeitung gewachsen ist. Im Gegensatz zum religiösen Verständnis ist im evolutionären Verständnis der natürliche Menschwerdungsprozess bis heute nicht abgeschlossen, sondern geht innerhalb ganz bestimmter Gesetzmäßigkeiten weiter.

Konrad Lorenz misst dieser rein natürlichen und evolutionären Entstehung des Geistigen eine sehr hohe Bedeutung zu. Neben der Entstehung des Lebens selbst, also dem Übergang vom Anorganischen zum Organischen, ist die Entstehung des geistigen Lebens für ihn sogar das zweite große Ereignis oder, wie er es benennt, die zweite große „Fulguration“, das oder die auf der Erde stattgefunden hat, wobei die zweite Fulguration für ihn eben nicht nur eine bloße Erweiterung der ersten ist. Fulguration, von lat. fulgur = »Blitz«, bedeutet bei Lorenz das plötzliche oder eben blitzartige Entstehen neuen Eigenschaften in einem komplexen System, die nicht aus den Eigenschaften der einzelnen Elemente des vorhandenen Systems vorhergesagt werden können. Das zweite Ereignis ist in diesem Sinne ebenfalls eine Fulguration und wie oben zitiert „ein völlig anders geartetes organisches System“ zum Informationserwerb und zur Informationsverarbeitung. Dennoch enthält dieses Geistige nichts Übernatürliches, wie es oft bis heute vorausgesetzt wird, sondern beide Fulgurationen sind gemäß Lorenz „der Fragestellung und Methodik der Naturforschung in gleicher Weise zugänglich, ja sie sind einander in geheimnisvoller Weise ähnlich. Die Parallelen – fast möchte man sagen: die Analogien -, die zwischen diesen beiden größten Fulgurationen bestehen, die sich in der Geschichte unseres Planeten je ereignet haben, regen zu tiefstem Nachdenken an“2.

Diese beiden größten Fulgurationen, die sich in der Geschichte unseres Planeten je ereignet haben, sind für uns und unsere heutige Entwicklung deswegen von entscheidender Bedeutung, weil sie sich in nichts anderem als einer zweigeteilten Natur unseres menschlichen Seins widerspiegeln bzw. weil unsere zweigeteilte Natur durch diese Fulgurationen festgelegt und bestimmt wurde. Sie regen also vor allem hinsichtlich des Wesens unserer menschlichen Natur zum Nachdenken an, erst recht, da auch Kant schon die Unterscheidung der zweigeteilten menschlichen Natur hinsichtlich unserer Erkenntnisarten machte, indem er feststellte: „daß es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden“3.

Das eigentliche Mensch-Sein definiert sich so von der rein natürlichen, evolutionären Perspektive her nicht durch sein Aussehen oder allgemein die Körperlichkeit, die Fossilfunde der Paläoanthropologie können dabei nur Hinweise sein, sondern vielmehr durch sein Verhalten, konkret durch die exklusiven Fähigkeiten und Wirkungen des Denkens und der Vernunft im Zusammenspiel mit der animalischen Grundlage, zu der die Sinneswahrnehmungen und die angeborene Verhaltenssteuerung der Instinkte gehören.

 

Die neue Fulguration, die darin das besondere Sein des dadurch erst entstandenen Menschen bestimmt, benutzt eine neues, „völlig anders geartetes“ und eigenständiges organisches System zur Informationsverarbeitung. Denn das geistige und kulturelle Leben, über das der Mensch exklusiv verfügt (bis auf rudimentäre Vorstufen bei manchen höheren Tieren), erwirbt und codiert die der Anpassung dienenden Informationen nicht mehr in den Genen als genetischer Code, sondern systematisch auf einer anderen organischen Ebene, nämlich die der Gehirnzellen, und auch die Verbreitung, Weitergabe und eventuelle Korrektur dieser Anpassungsinformationen findet hierbei nicht mehr über die Gene statt, sondern in dem, was wir als Sprache in unserem menschlichen Sein kennen.

Dabei geschieht als spezifisch menschliches Leben und Sein genau das, was der Erkenntnis von Kant entspricht, nämlich durch den einen Erkenntnisstamm, der auf genetisch codierten Informationen beruht, werden uns durch Sinnlichkeit oder Sinneswahrnehmung die Gegenstände als Erkenntnisse gegeben. Das ist auch schon bei den Tieren der Fall, wobei bei höheren Tieren diese Erkenntnisse in der Sinneswahrnehmung zunehmend einer der Anpassung dienenden neuronalen Verarbeitung unterzogen werden, die darin das Verhalten individuell und auf die augenblickliche Lebenssituation bezogen beeinflusst, d.h. daraus ergibt sich ein Verhalten, das in vielen Aspekten nicht mehr rein genetisch codiert und gespeichert ist.

Beim Menschen hat sich daraus etwas Besonderes entwickelt, da, wie es Kant völlig zutreffend ausdrückt, hier ein zweiter »Stamm« der Erkenntnis existiert, mit dem der Mensch die durch die Sinneswahrnehmungen gegebenen Erkenntnisse denkt. Das heißt, jetzt auch als Erklärung oder Zugang „der Fragestellung und Methodik der Naturforschung“ nach Lorenz, dass die in der Sinneswahrnehmung vorhandenen Gegenstände oder Erkenntnisse beim Menschen noch einmal neuronal abstrahiert und darin systematisch codiert werden, und zwar in dem, was wir als Begriffe und allgemein das Geistige kennen und das wir dann als Menschen, auch unabhängig von der Sinneswahrnehmung sowie der genetisch bedingten Verhaltenssteuerung, als völlig neues Verhalten anwenden (etwa im Werkzeuggebrauch) oder eben denken können.

Auch das existiert schon in rudimentären Vorstufen bei höheren Tiere, wenn diese etwa Werkzeuge gebrauchen und dieses spezifische Verhalten nicht genetisch erworben und gespeichert, sondern »gelernt« ist. Was das Besondere dieses Vorgangs des neuronalen Informationserwerbs und der Informationsspeicherung als systematisches »Lernen« ist, dann auch im Sinne einer „Fulguration“, das ergibt sich noch klarer, wenn diese Entwicklung vom Nutzen her betrachtet wird.

Die Bedeutung des Informationserwerbs und der Informationsverarbeitung als genetischer Code für das lebendige Sein an sich ist einerseits hinsichtlich der bloßen Körperformen und -funktionen schon grundlegend und gewinnt bei den höheren Tieren immer mehr Bedeutung bezüglich der speziellen Ausführung eines genetisch gesteuerten Verhaltens. Mit dem neuen geistigen System beim Menschen vollführt die evolutionäre Entwicklung hinsichtlich dieser grundlegenden Eigenschaft des Lebendigen einen weiteren riesigen Sprung, ja geradezu einen Quantensprung nach vorn.

Angesichts der Vormachtstellung des heutigen Menschen muss der natürliche Nutzen dieses neuen, nun neuronalen geistigen Systems des Informationserwerbs und der Informationsverarbeitung als »Geist« und »Lernen«, wenn es denn nicht auf einem übernatürlichen Eingriff beruhen soll, äußerst groß sein. Er liegt ganz einfach gemäß dem Zitat von Konrad Lorenz und in völliger Übereinstimmung mit dem bisherigen Wirken der Evolution weiterhin allein im Informationserwerb und der Informationsverarbeitung, jetzt aber als das von Lorenz zitierte „nur schneller und besser“.

Denn eine neue Information zu einem angepassteren Verhalten wird durch die alte, genetische Art der Informationserwerbs und der Informationsverarbeitung allein durch Mutation und Selektion erlangt, d.h. diejenigen Individuen, die eine neue, angepasstere Information durch eine Mutation besitzen, haben einen Überlebensvorteil, der sich nur dadurch durchsetzt und verbreitet, indem die Individuen, die ihn nicht besitzen, aufgrund dieses Nachteils sich schlechter fortpflanzen können, in der Regel einfach deswegen, weil sie aufgrund des Nachteils eher sterben. Ein Fortschritt in der Anpassung auch des Verhaltens zieht sich auf der Ebene der Gene in dem alten Evolutionssystem quälend langsam über Jahrhunderte oder noch länger hin und wird darin nur durch das Leiden und den Tod von Individuen erreicht. Ausschließlich die schmerz- und leidhafte Selektion der Individuen ist es, oft auch als direkte körperliche und gewalttätige Auseinandersetzung der konkurrierenden Individuen, die hier den Fortschritt schafft und ermöglicht.

Die neue, neuronale und darin geistige Art des Informationserwerbs und der Informationsspeicherung arbeitet dagegen im wahrsten Sinne des Wortes humaner und gleichzeitig sehr viel effektiver, da neue, der Anpassung dienende Informationen des Verhaltens allein in der neuronalen Verarbeitung und Codierung erworben, gespeichert und weitergegeben werden. Hinsichtlich der Geschwindigkeit und Flexibilität der Anpassung des Verhaltens erweist sich das als wahrer Quantensprung.

Das Besondere beim Menschen liegt dann jedoch nicht nur in dem sehr viel schnelleren Erwerb und der sehr viel schnelleren Weitergabe von Informationen zu einem nützlicheren, angepassteren Verhalten, sondern es liegt vor allem darin, dass dieses neue System des Informationserwerbs und der Informationsverarbeitung auf der neuronalen Ebene nicht mehr bloß der verfeinerten Anpassung eines genetisch gesteuerten Verhaltens an spezielle Umwelt- und Lebenssituationen dient, sondern dass es plötzlich selbst die Aufgabe des eigentlichen und grundlegenden Wirkens der Evolution hinsichtlich des Verhaltens übernimmt, wenn auch zunächst nur in kleinen Anfängen. Mit anderen Worten, die Evolution kann auf der neuronalen Ebene nun auch völlig neue Verhaltensweisen erzeugen, wie etwa im Werkzeuggebrauch, und zwar im Prinzip genauso, wie auf der genetischen Ebene neue Lebensformen oder Lebewesen entstehen können.

Das Entscheidende und Besondere, das dieser Entwicklung die Bedeutung der zweiten von den beiden großen „Fulgurationen“ verleiht, „die sich in der Geschichte unseres Planeten je ereignet haben“, liegt also darin, dass das eigenständige System in der umfassenden neuronalen Abstrahierung und Codierung der Sinneswahrnehmungen es ermöglicht, das Prinzip oder den eigentlichen »Motor« der evolutionären Entwicklung als Erwerb, Speicherung, Weitergabe und Anwendung von Informationen des Verhaltens einfach komplett und unabhängig auf dieser neu entstandenen neuronalen abstrakten und geistigen Ebene stattfinden zu lassen, und zwar in dem, das wir als Denken und Sprache kennen. Das funktioniert bezüglich des Verhaltens grundsätzlich genauso wie mit dem alten, genetischen »Motor«, nun aber sehr viel effektiver, sekundenschnell und human ohne dabei den Tod eines einzigen Individuums zu erfordern.

Analog zum alten System finden so auch in dem neuen, geistigen System »Mutationen« statt, nur ist das hier nichts anderes als das Denken, d.h. auf dieser Ebene werden schon vor einer körperlichen Handlung verschiedene Lösungsmöglichkeiten eines Problems in den Abstraktionen oder Begriffen - in letzter Hinsicht wie bei den Mutationen rein zufällig - durchgespielt, ausprobiert oder eben durchdacht. Es geschieht also hier auf der geistigen Ebene vom grundlegenden Prinzip, Wesen oder Ziel des Evolutionswirkens her genau dasselbe, was im alten System mit den Lebewesen selbst getan wird, bis die beste und vernünftigste Lösung des Verhaltens schließlich »selektiert« wird. Beide Prozesse „sind einander in geheimnisvoller Weise ähnlich“, wie es Konrad Lorenz oben zitiert sagt. Erst nach der »Selektion« findet im neuen geistigen System diese Lösung ihre Anwendung im Handeln des Individuums, wird gleichzeitig im Gehirn gespeichert und kann über die Sprache sekundenschnell an andere Individuen weitergegeben werden.

Die Schnelligkeit des Systems ermöglicht es sogar, bei der Lösungsfindung viele Individuen geistig »zusammenzuschalten« und als Gruppen wie etwa in wissenschaftlichen Fakultäten, politischen Parteien usw. wirken und kooperieren zu lassen. Der Grund für diese geistige Kooperation ist mit dem der genetischen Evolution identisch: Es bewährt und erhält einfach sich in diesen Interaktionen mit der Umwelt bzw. hier jetzt auch mit anderen Menschen und ist darin seinsschaffend (nun nicht nur als körperliches, sondern auch als geistiges Sein oder Person), seinserhaltend und seinsentwickelnd. Die Evolution findet auf diese neue Weise der Entwicklung ihren Fortgang.

Der Evolutionsprozess hat sich in seinem grundlegenden Wirken auf diese Weise auf einer anderen Ebene praktisch noch einmal neu erfunden oder wird dort als »Motor« noch einmal neu »gezündet«, was dann in der Entwicklung des Lebendigen genauso als „Fulguration“ eingeschlagen hat, wie schon die erste „Fulguration“ als Beginn der Evolution des Lebendigen, und es ist darin tatsächlich, wie es Konrad Lorenz treffend ausdrückt, als Geist „eine neue Art von Leben“. Die Evolution ist daher beim Menschen nicht zum Stehen gekommen, sie explodiert hier vielmehr geradezu (allerdings bisher vorwiegend nur als technisch-materielle Entwicklung und nicht als vorwiegend soziale, kulturelle oder gar rein geistige Entwicklung), und zwar in ihrer neuen Form, die aus nichts anderes als unserem geistig-kulturellen Sein besteht.

 

Von Belang für die neue evolutionäre Art des Lebens und der Entwicklung beim Menschen ist jedoch nicht nur das neue System selbst, sondern auch der Bezug zu dem alten System, und zwar nicht zu dem sehr viel langsameren Wirken dieses alten Systems, sondern zu den schon genetisch erworbenen und gespeicherten Verhaltensinformationen dieses Systems. Da das neue System beim modernen Menschen durch die wachsende Humanität auch die Selektionen des alten Systems direkt beeinflusst bzw. ganz verhindert, hat es das alte System zwar sozusagen »abgeschaltet« (hierin ist die alte Art der Evolution beim Menschen tatsächlich zum Stehen gekommen). Aber die gespeicherten Verhaltensinformationen dieses alten Systems wirken natürlich als Emotionen und Instinkte weiter, da sie in den Genen gespeichert und angeboren sind. Das »Abschalten« des alten Systems hat zur Folge, dass Korrekturen eines in den Genen gespeicherten Verhaltens, das aufgrund veränderter Lebensbedingungen nicht mehr angepasst ist, überhaupt nicht mehr möglich ist, was jedoch angesichts der Langsamkeit der genetischen Anpassung bei der neuen evolutionären Entwicklung sowieso keine Rolle spielt. Im neuen System können dagegen Korrekturen eines nicht mehr angepassten gelernten Verhaltens sekundenschnell stattfinden – sofern der Einfluss der alten, emotional bedingten Verhaltenssteuerung dabei überwunden werden kann.

Erst im Zusammenspiel dieser beiden Komponenten, also die des neuen geistigen Systems, in dem weiterhin dieselben alten evolutionären Gesetzmäßigkeiten nur auf einer anderen Ebene sehr viel effektiver wirken, und die der weiter wirkenden angeborenen Verhaltenssteuerung des alten Systems, geschieht gesetzmäßig der dynamische Prozess der natürlichen Menschwerdung, der darin bis heute nicht abgeschlossen ist. Dieser Entwicklungsprozess ist auch deswegen nicht abgeschlossen, weil das neue System immer mehr wächst und dadurch (über Erfindungen und Technik) u.a. die Lebensbedingungen und die Umwelt ändert, was wiederum vermehrt die in den Genen gespeicherten Verhaltensvorgaben des alten System unter den neuen Bedingungen zu unangepassten Verhaltensweisen macht. Die nicht mehr angepassten und somit überflüssigen Verhaltensweisen können aber nur, wie etwa die der der Weiterentwicklung dienenden aggressiven Auseinandersetzungen sowohl zwischen Individuen als auch ganzen Gruppen, im sportlichen Wettkampf »abgeleitet« und somit kultiviert oder einfach durch ein kulturelles Verhalten »überdeckt« werden.

Jedenfalls ist die stetige evolutionäre Entwicklungsrichtung beim Menschen dadurch geradezu gesetzmäßig vorgegeben, indem sein ureigenstes Wesen, das im Geistig-Kulturellen als einer sehr viel effektiveren Weise der evolutionären Entwicklung liegt, gegenüber seinem animalischen Erbe und seiner animalischen Basis immer mehr wächst und an Einfluss gewinnt. Es könnte auch so verstanden werden, dass sich das neue, sehr viel effektivere Evolutionssystem immer schneller entwickelt, allerdings auf der Grundlage und unter den Einflüssen des alten Evolutionssystems, aus dem es hervorgegangen ist, wie schon die Evolution selbst aus den Naturgesetzmäßigkeiten hervorgegangen ist. Grundsätzlich befindet sich der moderne Mensch daher, wie es Hoimar von Ditfurth ausdrückt, erst „mitten in einem Tier-Mensch-Übergangsfeld“ und hat das wahre Mensch-Sein noch lange nicht erreicht.

 

Als entscheidend für ein evolutionäres Verständnis des Mensch-Seins erweist sich so die Erkenntnis von Konrad Lorenz, dass das geistige Leben des Menschen nicht nur einfach als eine bloße Erweiterung des bis dahin grundlegend wirkenden evolutionären genetischen Systems des Informationserwerbs, der Informationsspeicherung und -tradierung zu verstehen ist, sondern das geistige Leben ist als ein eigenständiges System anzusehen, in dem der Evolutionsprozess in seinem grundlegenden Wirken als Informationserwerb sich selbst praktisch noch einmal auf einer anderen Ebene neu erfunden hat, wobei das darin die Natur des Menschen bestimmt.

Trotzdem beide Systeme des Informationserwerbs von den organischen Systemen her „völlig anders geartet“ sind, sind sie in der Verhaltenssteuerung des Menschen so eng ineinander verwoben, dass die zweigeteilte menschliche Natur - als Tier mit Instinkten und dem darauf aufgepfropften Menschen mit Geist - in der Regel bis heute im menschlichen Sein nicht erkannt und nicht bewusst ist. Es lässt sich sozusagen nur vom Wesen des neuen, geistigen Systems her fassen, indem versucht wird, inwieweit die, zunächst bloße, Idee dieser grundlegenden rein natürlichen Zweiteilung der menschlichen Natur die Vorgänge auch auf der darunterliegenden Ebene der Sinneswahrnehmungen und der Interaktionen zwischen den Individuen und Gruppen konstruktiv im Sinne einer stetigen Weiterentwicklung ordnen kann, bzw. inwieweit diese Theorie oder Idee zur Anwendung oder »Selektion« gelangen kann.

Diesem Versuch liegt so nichts anderes als das grundlegende Verhältnis beider voneinander unabhängigen Systeme zu Grunde, d.h. es wird jetzt nur eine Änderung in der Systematik der Abstrahierung und Codierung im geistigen Systems versucht, bzw. es ist eine andere „Denkart“4 im Sinne von Kant. In dieser Änderung der Denkart ist die menschliche Natur nicht durch ein übernatürliches Göttliches, sondern durch das animalische Sein bedingt zweigeteilt. Kann diese Idee der evolutionär zweigeteilten menschlichen Natur und die daraus sich ergebende neue evolutionäre Perspektive, die auch die aktuellen Entwicklungen des Menschen zu erfassen beansprucht, die Interaktionen zwischen den Individuen und Gruppen oder die Sinneswahrnehmungen dieser Vorgänge als konstruktive und stetige Weiterentwicklung heute neu ordnen und zu einem neuen Selbst-Bewusstsein führen? Dazu muss sich diese Idee, wie schon alle anderen vor ihr, vor allem in dem Bezug zu dem andern „Stamm“ der Erkenntnis bewähren, und zwar indem diese die Entwicklung des modernen Menschen umfassende evolutionäre Perspektive einfach auf praktische Probleme des modernen Menschen angewendet wird.

Mit anderen Worten, es ist im Sinne der hier geschilderten evolutionären Entwicklung ein Versuch, Probleme des modernen Menschen, die sich auf der Ebene der körperlichen und darin oft noch gewalttätigen Interaktionen zwischen Individuen und Gruppen abspielen, allein mit Hilfe des neuen evolutionären Systems bzw. allein mit der Idee dieses Systems, also auf geistige Weise, als humane evolutionäre Weiterentwicklung zu lösen. Denn die Evolution wird auch beim »modernen« Menschen -leider immer noch – sehr stark von Wirkmitteln des alten Systems, die sich in den aktuellen Problemen, Gewalttaten und Kriegen äußern, beeinflusst, was in der weiteren geistig-kulturellen Entwicklung nicht nur unnötig und überflüssig, sondern auch hinderlich ist.

 

 

Die Anwendung der neuen geistigen evolutionären Perspektive auf aktuelle Entwicklungen und Probleme des modernen Mensch-Seins.

Der durch das neue geistige Evolutionssystem begonnene und bis heute nicht abgeschlossene Prozess der dynamischen natürlichen Menschwerdung lässt ganz konkrete Probleme des modernen Mensch-Seins in einem völlig anderen Licht erscheinen, und zwar dem der evolutionären Perspektive. Das trifft etwa auf den Umstand zu, dass der Mensch auch heute noch seine durch die Entwicklung bedingten Probleme nicht mit dem ihm auf der Ebene seines eigentlichen Seins zur Verfügung stehenden neuen »Motor« der evolutionären Entwicklung zu lösen sucht, also auf der Ebene des Geistes, des Denkens und der Vernunft, sondern immer noch auf die alte Weise der evolutionären Entwicklung, also auf die animalische Weise durch körperliche Auseinandersetzungen mittels Emotionen, Gewalt und Krieg.

Mit Hilfe der evolutionären Perspektive lässt sich die darin gegebene stetige Entwicklungsrichtung des eigentlichen Mensch-Seins so auch in der Geschichte des Menschen trotz vieler Rückschläge und Irrwege als roter Faden eindeutig erkennen. Das Ziel und Ideal der ausschließlichen Auseinandersetzung und Weiterentwicklung auf der geistigen Ebene, das sich aus der evolutionären Perspektive aufgrund der sehr viel höheren Effektivität und Schnelligkeit von vornherein geradezu gesetzmäßig ergibt, ist zwar im heutigen menschlichen Sein noch lange nicht erreicht, doch zumindest wird die geistige und darin humane Lösung von Problemen heute allgemein schon einmal als Ziel und Ideal verfolgt, was bis vor kurzem in dieser Entwicklung auch noch nicht selbstverständlich war. Mit der evolutionären Perspektive der menschlichen Entwicklung lässt sich dieses Ziel und Ideal nun in diesem größerem Zusammenhang erklären und hinsichtlich jüngst geschehener, aktueller und kommender Probleme anwenden.

Besonders die großen Katastrophen der beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts sind im Licht einer evolutionären Perspektive anschauliche Beispiele für durchaus vermeidbare Fehl- und Rückentwicklungen, bedingt durch das Festhalten an einstmals »guten« und angepassten, zwischenzeitlich aber überholten und unangepasst gewordenen, angeborenen Verhaltensweisen. Diese waren hierbei Fremdenhass oder Rassismus mit dem zugehörigen Nationalismus sowie der Versuch der Weiterentwicklung als Macht- und Territoriumerweiterung bzw. allgemein die Anwendung von Gewalt als Problem- und Entwicklungslösung. Zu archaischen Zeiten, als die Menschen noch als Jäger und Sammler in Kleingruppen lebten, die auf ein bestimmtes Territorium angewiesen waren, das sie zum Überleben stets zu vergrößern bzw. zu verteidigen suchten, waren Fremdenhass und Rassismus noch »gute« und angepasste Verhaltensweisen, die genetisch erworben wurden und wahrscheinlich sogar aus animalischen Zeiten stammen.

Die durch andere Lebensbedingungen unangepasst gewordene Verhaltensweise des Rassismus war dabei selbst in der Wissenschaft vor hundert Jahren noch weit verbreitet und anerkannte Lehre (so wurde etwa eine aufwändig gestaltete Fälschung eines Fossils hergestellt und in England vergraben und »gefunden«, der sogenannte »Piltdown-Mensch«, nur um zu »beweisen«, dass sich die Menschheit in Europa und nicht in Afrika entwickelt hat). Leider haben erst die Katastrophen, die durch nichts anderes als die Unangepasstheit dieses Verhaltens unter den heutigen Lebensbedingungen verursacht wurden bzw. in denen diese Unangepasstheit im Zusammenleben der Menschen offenbar wurde, ein anderes, angepasstes Verhalten etabliert, das sich heute in den Menschenrechten und der Demokratie zeigt. Dass trotz dieser Katastrophen das Verhalten der Fremdenfeindlichkeit und des Rassenhasses immer noch nicht überwunden ist, ist ein Beleg dafür, dass es angeboren ist, es nur geistig-kulturell überdeckt aber nicht eliminiert werden kann, und dass der Grund für die mangelhafte »Austrocknung« dieses Verhaltens die Unkenntnis über dessen wahre Wurzeln und Eigenschaften wie etwa die des Auslösereizes ist.

Die beiden Weltkriege waren in der Perspektive des neuen evolutionären Systems Fehl- und Rückentwicklungen, bzw. es war eine Weiterentwicklung, die noch auf die alte Weise oder mit den Mitteln des alten evolutionären Systems stattfand. Zweifellos hätte diese jüngst erst geschehene Anpassung des Verhaltens auch ohne die Katastrophen der beiden Weltkriege allein auf der geistigen Ebene vonstatten gehen können, und zwar entsprechend dieser geistigen Ebene elegant, human und eben ohne die Katastrophen mit ihrem physischen Leid und den ca. 60 Millionen Toten. Auf der geistigen Ebene hätte besonders durch die Intellektuellen und Wissenschaftler der Zeit vor diesen beiden Katastrophen erkannt werden können, dass bestimmte Verhaltensweisen unter den herrschenden Bedingungen nicht mehr angepasst sind und dass sie bei bestimmten Bedingungen eben in die Katastrophe führen.

Manche Intellektuelle wie Schiller und Kant hatten dabei schon lange vorher geistige Lösungen parat gehabt, die eine humane weitere Entwicklung ergeben, Probleme gelöst und Katastrophen vermieden hätten. Doch andere Intellektuelle, wie etwa der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt, haben die Unangepasstheit der in die Katastrophe führenden Verhaltensweisen wie etwa die des Rassismus überhaupt nicht erkannt, sondern sie im Gegenteil noch gestärkt, idealisiert, verklärt und zudem noch die Demokratie als Gefahr und Irrweg gesehen. Die Katastrophen waren dann die direkte Folge dieses geistigen Versagens.

 

Aus einer evolutionären Perspektive ist in Hinsicht dieser jüngsten Entwicklung die Frage höchst interessant, worin das eigentliche Wesen der Demokratie liegt, die sich erst durch die geschehenen Katastrophen bei uns durchgesetzt hat. Aus evolutionärer Perspektive ist mit der Demokratie insofern ein weiterer entscheidender Schritt in der Entwicklung des Geistigen und Humanen verwirklicht worden, da die Problemlösungs- und Entwicklungsprozesse in einer Demokratie nur noch auf geistige Weise geschehen. Auch beim animalischen oder archaischen Recht des Stärkeren kommt es regelmäßig zu »Abstimmungsprozessen«, bei denen ebenfalls jeder (also ebenfalls im Grunde das ganze Volk), soweit er eben über den dort gültigen Maßstab der körperlichen Stärke und der damit ausgeführten Gewalt verfügt, auf diese Weise mitwirken und sich damit entsprechend durchsetzen kann – nur eben auf gewalttätige Art und Weise, das darin das Wirkmittel des alten Evolutionssysstems ist.

Demokratie heißt daher in einer evolutionären Perspektive, dass der Mitwirkungs-, Entscheidungs- oder Selektionsprozess als weitere (evolutionäre) Entwicklung des Menschen in den zugehörigen Interaktionen und Auseinandersetzungen endgültig und komplett von der körperlichen Ebene der Individuen mit dem Maßstab der körperlichen Stärke auf die geistige Ebene mit dem Maßstab des Argumentes und im Idealfall der Vernunft gehievt und damit der alte »Motor« der evolutionären Entwicklung auch in sozialer Hinsicht nun endlich vollständig durch den neuen ersetzt wird.

In Hinblick auf die Evolution des Geistigen beim Menschen, bei der sich dieses Geistige mehr und mehr von seiner animalischen Grundlage emanzipiert, hat mit der Einführung der Demokratie im Zusammenleben der Menschen daher ein ganz entscheidender Fortschritt und Durchbruch stattgefunden (leider aber bis heute nur auf der nationalen Ebene und noch nicht auf der globalen, dort herrscht weiterhin das animalische Recht des Stärkeren). War das, zumindest in Teilen, der endgültige Durchbruch des neuen Evolutionssystems und damit der endgültige Durchbruch des Geistigen und Humanen im Mensch-Sein?

 

Nein, denn in einer evolutionären Perspektive im Sinne der zweigeteilten Natur des menschlichen Seins ist sich der heutige Mensch seines zweigeteilten Wesens und damit auch seines eigentlichen Wesens in dieser Zweiteilung nicht bewusst. Das macht sich heute ganz konkret dadurch bemerkbar, dass das Selbstverständnis und die Entwicklungs- oder Wachstumsausrichtung des heutigen Menschen zwar zu einem großen Teil demokratischen und darin geistigen Entscheidungsprozessen unterliegt, dass aber die Ausrichtung der weiteren Entwicklung nicht auf das eigentliche Wesen des Menschen gerichtet ist, nämlich sein geistig-kulturelles Wesen, sondern es ist auf materielle Werte gerichtet, die darin noch dem alten Evolutionssystem mit seinen Werten zuzuordnen sind.

Das hat zur Folge, dass nicht erkannt wird, dass aufgrund der heutigen Lebensbedingungen wieder eine altbewährte Verhaltensweise gerade zu einem unangepassten Verhalten wird, nämlich die exzessive Anhäufung von materiellen Werten als Lebenssinn und vorrangige Wachstumsausrichtung. Der Mensch erkennt zwar sein Fehlverhalten in Ansätzen, etwa im Klimawandel, aber nicht (genau wie schon vor hundert Jahren in Hinsicht des Rassismus und Nationalismus) die letztendlichen Konsequenzen seines Fehlverhaltens. Vor allem sieht er nicht, dass dieses Verhalten, mit dem er sich größtenteils identifiziert und in dem er seinen Lebenssinn sieht, animalische Wurzeln hat und nicht seinem wahren eigentlichen Sein entspricht und damit auch nicht der stetigen großen Entwicklungsrichtung des Geistigen in der weiteren Evolution beim Menschen. Der Mensch verlässt sich nicht auf seinen Geist und seine Vernunft, sondern nur auf seine Empfindung, dass dieses altbewährte Verhalten auch weiterhin gut und sinnvoll ist.

Selbst in der Wissenschaft, wie etwa in der Genforschung, dient das Geistige zunehmend der Nutzbarmachung, dem Profit, also dem Materiellen. Die Sackgasse dieser allgemeinen Ausrichtung der weiteren Entwicklung ist angesichts der überbevölkerten Erde, an deren Grenzen die Menschheit heute in mehrfacher Hinsicht stößt, sogar ohne die hier vertretene evolutionäre Perspektive schon deutlich absehbar. Die Explosivität der heutigen evolutionären Entwicklung betrifft nicht nur die Anzahl der Menschen, und so stellt der Historiker und Archäologe Ian Morris, der die gesellschaftliche Entwicklung während der letzten 10.000 Jahre untersucht hat, fest:

Im 21. Jahrhundert verspricht – oder droht – die gesellschaftliche Entwicklung so hoch zu steigen, dass sie auch den Einfluss der natürlichen und sozialen Bedingungen verändern wird. Wir nähern uns der größten Diskontinuität der Geschichte.5

Die große Frage unserer Zeit stellt sich gemäß Morris nicht danach, ob der Westen seine Vormachtstellung gegenüber dem Osten in dem Wettlauf um materielle Werte auch weiterhin wird halten können, sondern danach, „ob die Menschheit insgesamt den Durchbruch zu einer vollkommen anderen Seinsweise schafft, bevor uns die Katastrophe ereilt - und uns für immer erledigt.“6

Dass alle Menschen ihren Lebenssinn und ihr Ziel in der exzessiven Anhäufung von materiellen Werten verwirklichen, mit denen sie dann in der Regel die alten animalischen Instinkte von Macht und Rang zu befriedigen suchen, ist allein aufgrund des begrenzten Lebensraumes und der begrenzten Ressourcen auf der jetzt schon überbevölkerten Erde nicht möglich. Die weitere evolutionäre Entwicklung ergibt sich so letztlich einfach aus den Naturgesetzlichkeiten, wie etwa der der Begrenzung des Lebensraumes. Die Finanzkrise ist in dieser Fehlentwicklung nur ein harmloses Vorgeplänkel, denn bei der dahinterstehenden Krise geht es nicht mehr nur um abstrakte (Geld)Werte, sondern um die Lebensgrundlagen.

Ist das Geistige, und zwar als langfristig auf das Ganze gerichtete Vernunft im Menschen, in der momentanen Evolution diesmal stark genug, um die aktuell unangepasst gewordenen Verhaltensweisen und vor allem auch die Wurzeln dieses Verhaltens in der zweigeteilten Natur des Menschen zu erkennen und sie in ihrer Unangepasstheit schon im Vorfeld geistig, human und elegant zu überwinden, und zwar mit entsprechenden Ideen oder Theorien, oder vollzieht sich das, wie bisher etwa bei den jüngst geschehenen Katastrophen des letzten Jahrhunderts und wie bei der aktuellen Finanzkrise, auch wieder erst durch das Eintreten der durch diese unangepassten Verhaltensweisen bedingten Krisen oder Katastrophen?

Im ersteren Fall würde der Motor der weiteren Entwicklung auf der geistigen Ebene der Evolution auch hinsichtlich der Ausrichtung dieser Entwicklung (auf das Geistige, als die eigentliche langfristige evolutionäre Entwicklung beim Menschen) »rund laufen« und sich bewähren. Doch dazu bedürfte es eines neuen Weltbildes und eines neuen, evolutionären Selbstverständnisses. Der Spruch, dass es nichts Praktischeres gibt als eine gute Theorie, kennzeichnet tiefgründig das eigentliche Wesen der neuen, geistigen Evolution beim Menschen und kommt hier umfassend und entscheidend zum Tragen. Der Mensch kann die praktischen Probleme, die erst durch die Entwicklung seines geistigen Vermögens entstanden sind, nur mit einer weiteren Entwicklung dieses geistigen Vermögens lösen.

Im letzteren Fall hätte der Mensch dagegen in dieser Hinsicht wieder einmal versagt. Dieses Versagen wäre allerdings, wie schon bei der jüngsten Anpassung, auch nur relativ, d.h. der nächste Schritt würde sich so nur auf andere Weise vollziehen. Vielleicht ist das im evolutionären Sinn sogar der effektivere Weg, weil sich erst in einer vollständig und mit den modernen Mitteln hoffnungslos zerstörten und verseuchten Umwelt die Frage nach dem Fehlverhalten und dem eigentlichen Sein des Menschen wirklich und nachhaltig stellen würde.

Wenn die weitere Entwicklung des Menschen nicht mehr vorrangig auf materielle Werte gerichtet wäre, sondern auf den eigentlichen Kern seines zweigeteilten Wesens, also auf geistig-kulturelle Werte, so wären nicht nur alle praktischen Probleme des modernen Menschen schlagartig gelöst oder zumindest lösbar, sondern der Mensch würde sich dadurch nicht nur der Zweiteilung seines Wesens, sondern auch seines eigentlichen Wesens in diesem zweigeteilten Wesen (selbst)bewusst werden. Das heißt nicht, dass dabei sein animalisches Wesen mit seinen Instinkten, Emotionen und Gefühlen gänzlich zu überwinden ist, nur wenn es zu einem unangepassten Verhalten führt, ist das animalische Wesen im Menschen zu überwinden.

Besitzt der Mensch heute den Geist dazu, den aktuellen und notwendigen evolutionären Anpassungsprozess in allen seinen Konsequenzen zu erkennen, vor allem auch in Hinblick auf seine zweigeteilte Natur und die Einflüsse der animalischen Seite seines zweigeteilten Seins, und besitzt er als Konsequenz dieser Erkenntnis dann die Freiheit, die unangepassten Einflüsse der animalischen Seite seines Seins elegant schon im Vorfeld geistig-kulturell zu überwinden, um so mit den Mitteln seines exklusiven und ureigensten Seins zu einem angepassten Verhalten zu gelangen, das drohende Katastrophen vermeidet? Hier liegt die vorderste Front der aktuellen explosiven evolutionären Entwicklung im Mensch-Sein, die sich auf der Ebene der Ideen an dieser Front letztlich als »Mutation« und »Selektion« von Ideen abspielt, die darin jedoch auch als praktischer, groß angelegter »Versuch« zur Bestätigung einer naturwissenschaftlichen Theorie oder Idee im grundlegendem Bezug der beiden verschiedenen Erkenntnisstämme im menschlichen Sein verstanden werden kann, oder einfach als ein einmaliges Naturschauspiel im Hier und Jetzt.

1 Konrad Lorenz, Die Rückseite des Spiegels – Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens, München 1987, S. 217

2 Lorenz: Die Rückseite …., S. 216

3 Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 29

4 Vgl. Kant, Kritik der reinen …, BXV-BXVIII

5 Ian Morris, Wer regiert die Welt, Frankfurt a.M. 2011, 567

6 Morris, Wer regiert...., S. 45

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