SPIEGEL-Leitartikel zum rein natürlichen Verständnis der Religion.

Wie jedes Jahr beschäftigt sich der SPIEGEL in seiner letzten Ausgabe mit der Religion als Titelthema. Diesmal (52/2012) mit einem Artikel, der darin die evolutionäre Perspektive beim Zivilisationsprozess des Menschen ermöglicht, denn wenn die Religion als ein vollkommen natürliches Phänomen gesehen wird, worum es in diesem SPIEGEL-Artikel einzig und allein geht, dann bietet es sich geradezu an, das in einer evolutionären Perspektive zu betrachten. Von der evolutionären Perspektive ist in diesem Artikel leider nicht die Rede, aber er stellt zumindest die Grundlage dafür zur Verfügung, vor allem, indem der große Nutzen des religiösen Glaubens dargestellt wird. Das ist es, was die evolutionäre Perspektive ermöglicht und nahelegt.

Dieser Heft-Titel lautet: „Warum glaubt der Mensch …. und warum zweifelt er?“ und die Artikelüberschrift und Einleitung: „Die Erfinder Gottes. Psychologen und Anthropologen ergründen, warum der Mensch an höhere Mächte glaubt. Ohne Gottesfurcht hätte der Aufstieg der Zivilisationen kaum begonnen – je strenger eine Religion ist, desto besser setzt sie sich durch.“ (S. 112)

 

 

Weitere Aussagen des Artikels, die für eine evolutionäre Betrachtung des Phänomens der Religion hilfreich und zum Nachdenken anregend sein können, lauten:

 

„Für den Psychologen Bering ist die Religion eine 'nützliche Illusion'“. (S. 114)

 „Und Anthropologen sammeln Belege dafür, wie strenge, anspruchsvolle Religionen seit gut 11 000 Jahren den Aufstieg der Zivilisationen fördern.“ (S. 114)

„Die Frage ist: Hätte der Mensch ohne wachsame Gottheiten überhaupt aus der Steinzeit herausgefunden? Und wie steht es heute um ihn? Könnte er je ganz ohne himmlische Direktiven auskommen?“ (S. 114)

 „Zwei Fragen vor allem gaben der Forschung zu denken. Erstens: Wie kann es sein, dass Milliarden Menschen unerschrocken an Dinge glauben, für die es keinerlei Belege gibt? Und zweitens: Warum opfern so viele Gläubige dafür auch noch ihre Zeit, ihr Geld, ihre Freiheit und manchmal sogar ihr Leben?

Normalerweise investiert die Menschheit nicht viele Jahrtausende lang in Dinge, die ihr nichts nützen. Wofür also sind die Religionen gut?“ (S. 114)

 „Neue Befunde zeigen, wie segensreich die übernatürliche Kontrolle wirken kann: Sie macht die Gläubigen umgänglich und lenkbar, hilfsbereit gegenüber Fremden und tauglich für die Arbeit in großen Gruppen – lauter Bausteine für eine zivilisierte Gesellschaft.“ (S. 114)

 „Auch für den Religionsforscher Ara Norenzayan im kanadischen Vancouver ist der Göbekli Tepe ein besonderer Ort. Er sieht im Pfeilermonument den Schlüssel zum Aufstieg der Zivilisationen. 'Hier liegt die Antwort auf eine Hauptfrage der Geschichte', sagt er. 'Wie haben die Menschen gelernt, in großer Zahl zusammenzuarbeiten?'“ (S. 115)

„Am Tempelbau also lernten die Jäger und Sammler, im Großmaßstab zu kooperieren.“ (S. 115)

 „'In kleinen Gruppen ist das noch nicht nötig', sagt Norenzayan, 'da funktioniert die Sozialkontrolle auch ohne übernatürliche Aufsicht.'“ (S. 120)

 „'Die Menschen dort haben sich unter die Aufsicht gemeinsam verehrter Gottheiten gestellt', sagt Norenzayan. Das war, so glaubt er, der entscheidende Kick für eine neue Arbeitsmoral.“ (S. 115)

 „Das war der Durchbruch. Der Glaube machte den Weg frei für das Wachstum des Gemeinwesens – auf seiner Grundlage konnten Fremde Vertrauen zueinander fassen. Und bis heute ist das sein Hauptnutzen, glaubt Norenzayan. Alle Religionen, die etwas geworden sind, funktionieren so: als soziale Plattform für wachsende, aufstrebende Gruppen.“ (S. 117)

 „Das ist, seit Göbekli Tepe, der Sinn der Religion: Sie schafft eine Basis, auf der Fremde gut miteinander auskommen.“ (S. 117)

 „Viele Menschen, so scheint es, sind da leichte Beute. Sie nehmen das Übernatürliche einfach als gegeben hin. Geht es nach den kampflustigen Religionskritikern um den britischen Zoologen Richard Dawkins, so besagt das nicht viel: Die Leute sind eben leichtgläubig, sie lassen sich auch Götter einreden. Die Forschung jedoch kommt zu einem anderen Befund. Experimente mit Kindern etwa zeigen, wie tief die Anfälligkeit für Geister und höhere Gewalten in der menschlichen Natur wurzelt.“ (S. 118)

 „Pascal Boyer, Anthropologe in St. Louis. Er glaubt, dass die Anfälligkeit für Übersinnliches aus Instinkten gespeist wird, die mit Religion nichts zu tun haben. Sie bildeten sich, sagt er, im Laufe der Evolution für ganz andere Zwecke heraus.“ (S. 119)

 „Das Religiöse ist also nichts Besonderes, es geht einher mit der Art, wie der Mensch denkt und wahrnimmt. Und weil es so naheliegt, ist der Unglaube so anstrengend. Das lehrt schon die Lebenserfahrung. Gelegentliche Zweifel mögen jeden mal anwandeln, und immerhin: Dem Zweifler ist die Sache nicht egal. Aber der endgültige Abschied von den Gottheiten setzt zumeist bewusste Arbeit voraus. Religiöses Denken dagegen komme von selbst, sagt Boyer, es sei nun mal 'der Weg des geringsten Widerstands für unser kognitives System'. Es wäre also fast ein Wunder, gäbe es nicht Religionen im Überfluss.“ (S. 120)

 „Heute dominiert der große Gott der drei Weltreligionen. Er achtet nicht nur streng auf soziales Wohlverhalten, er hat auch die Mittel, zu belohnen und zu bestrafen: Verdammnis oder Erlösung, Himmel oder Hölle. Er ist Gesetzgeber und Exekutive zugleich. Ein Vergleich von 74 Kulturen rund um die Welt hat gezeigt, dass es da eine Regel gibt: Je größer und komplexer die Gesellschaft, desto eher verehrt sie solche allzuständigen Instanzen, die ihre Anhänger mit Regeln und Ritualen disziplinieren. Die Götter, könnte man sagen, wuchsen mit ihren Aufgaben.“ (S. 120)

 „Eine Religion muss nützlich sein, sonst nehmen die latenten Zweifel überhand, und die Anhänger suchen sich etwas Neues (an das sie dann umso fester glauben). Schon die frühen Christen im Römischen Reich fuhren gut mit einer Doppelstrategie. Ihren Leitspruch – 'Seid fruchtbar und mehret euch!' – verbanden sie mit tätiger Fürsorge für Witwen und Waisen. Und das in einer Zeit, da die Römer überzählige Säuglinge noch auszusetzen pflegten. Der Kult um einen jüdischen Wandercharismatiker wurde auch deshalb groß, weil er mitten im verdämmernden Imperium einen kleinen Sozialstaat aufbaute.“ (S. 123)

 

 

Wie gelang es, dass sich der Mensch von den archaischen Steinzeit-Stämmen zu den heutigen modernen und zivilisierten Gesellschaften entwickelte? Spielte hierbei die Religion als genialer »Trick« der Evolution zur Verhaltenssteuerung des Menschen die Hauptrolle? Der Bezug in dem SPIEGEL-Artikel zu Heinrich Heine, als einem Vertreter der Aufklärungszeit, der „'das Eiapopeia vom Himmel' bespöttelte“ (S. 122), hilft hier genausowenig weiter wie die undifferenzierte und polemische Religionskritik von Richard Dawkins. Indem Dawkins und die sogenannten Neuen Atheisten wie etwa in der Giordano-Bruno-Stiftung der Religion keinerlei wirklichen Nutzen zubilligen („ein Witz mit kosmischen Ausmaß, der zu rein gar nichts gut ist“), verbauen sie nicht nur die Möglichkeit, die Religion als ein Phänomen der Evolution zu verstehen, das dann einen entsprechend der Verbreitung hohen Nutzen haben muss, sondern sie verbauen auch die Möglichkeit und Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Verständigung mit den Gläubigen, die ja nicht nur aus Fundamentalisten bestehen. Wie bei einem Zaubertrick lässt die Faszination darüber nur nach, wenn die natürlichen Ursachen und Zusammenhänge des Zaubertricks restlos aufgedeckt und nachvollziehbar und einsehbar vermittelt werden. In Bezug auf die Religion machte Kant genau das, d.h. er deckte diesen »Trick« auf, mit dem einer „inneren praktischen Notwendigkeit“ zu einem (neuen) moralischen Verhalten „Effekt“ gegeben wurde. Kant stellte fest:

Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat, nämlich den Begriff eines einigen Urwesens, als des höchsten Guts, so darf sie sich gar nicht unterwinden, gleich als hätte sie sich über alle empirischen Bedingungen seiner Anwendung erhoben, und zur unmittelbaren Kenntnis neuer Gegenstände emporgeschwungen, um von diesem Begriffe auszugehen, und die moralischen Gesetze selbst von ihm abzuleiten. Denn diese waren es eben, deren i n n e r e praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt zu geben, und daher können wir sie nicht nach diesem wiederum als zufällig und vom bloßen Willen abgeleitet ansehen, insonderheit von einem solchen Willen, von dem wir gar keinen Begriff haben würden, wenn wir ihn nicht jenen Gesetzen gemäß gebildet hätten. Wir werden, soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind. (Kant, Kritik der reinen Vernunft, B846-B847)

Die Aufdeckung dieses »Tricks« durch Kant drängt sich heute geradezu dazu auf, den religiösen Glauben als evolutionäres Wirken in der Entwicklung des menschlichen Seins zu verstehen. Und es ist gut möglich, wie in dem SPIEGEL-Artikel an einer Stelle bemerkt, dass der Mensch ohne diesen »Trick« der Evolution gar nicht aus der Steinzeit herausgefunden hätte. Die Religion war dann das entscheidende Werkzeug dazu, einem aufgrund der Entwicklung neuen notwendigen Verhalten "Effekt" zu geben, und zwar Effekt gegenüber der alten Instinktsteuerung des Verhaltens. Wie wichtig das war, belegt dann das „kosmische Ausmaß“ der Verbreitung des religiösen Glaubens in allen menschlichen Gesellschaften zu jeder Zeit.

Heute ist es dann, auch wieder aufgrund der weiteren Entwicklung, notwendig, diesen »Trick« mit den vernünftigen Fähigkeiten des menschlichen Geistes zu durchschauen und zu verstehen, und zwar in allen seinen natürlichen Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten, und ihn nicht nur auf mehr emotionale Weise einfach als falsch und irrig hinzustellen. Das Letztere ist in der weiteren Entwicklung des menschlichen Geistes eine Sackgasse und ein Rückschritt und lässt die große Verbreitung des religiösen Glaubens in den menschlichen Gesellschaften unerklärt.

 

 

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